»So viel für die Theorie, daß Mrs. Carmodys nächtlicher Herumtreiber der Händler war, der sich noch einmal umsehen wollte«, sagte Markby zu Pearce.

»Ich habe ohnehin nie viel davon gehalten. Ich bin aber froh, daß sie ausgeräumt ist, denn das bedeutet, daß derjenige, der auf Dollys Dachboden war, nicht nach Antiquitäten gesucht hat.«

»Was könnte sie denn sonst noch dort draußen auf der Farm haben, das für jemanden von Interesse sein könnte?« fragte Pearce.

»Das Ganze ist so was wie’n Museum, alles stillgelegt, nichts arbeitet. In den Ställen stehen zwar ein paar Gäule, aber das sind nur gewöhnliche Klepper, keine Rennpferde. Er hat bestimmt nicht versucht, sie durch Spritzen langsam zu machen.«

»Ja, was war es wohl?« Markby klopfte mit dem Ende seines Kugelschreibers auf den Schreibtisch.

»Was kann er ausgerechnet auf der Witchett Farm gesucht haben? Und wer war es?«

»Und war es vielleicht unser Leichnam zu seinen Lebzeiten, oder hat er etwas mit unserem Leichnam zu tun?«

»Genau.« Markby fuhr sich mit der Hand über den Mund und drehte den Stuhl so, daß er aus dem Fenster schauen konnte. Ein schöner Tag. Alle Bäume schlugen aus, und er saß hier drinnen fest. Glückliche Meredith, sie war nach Greyladies hinausgefahren, war draußen auf dem Land.

»Wenn der Herumtreiber und unser Leichnam ein und derselbe sind, dann haben mehr als nur eine Person etwas gesucht, was immer es war.«

»Glauben Sie, derjenige hat es gefunden?« fragte Pearce.

»Sie meinen, ob er getötet wurde, weil man verhindern wollte, daß er es fand, oder weil er es gefunden hatte?«

»Was immer es war«, wiederholte Pearce. Markby stand auf.

»Ich gehe zum Lunch.«

»Ist die Lady noch in Bamford?« fragte Pearce arglos.

»Ja.« Markby hielt kurz inne.

»Aber sie ist zur Greyladies Farm rausgefahren, beschäftigt sich mit historischen Forschungen.« Pearce sah angemessen beeindruckt aus. Meredith war mit den Ergebnissen ihrer Forschung nicht besonders zufrieden. Bisher war ihr Erfolg gleich Null, und das war sehr ärgerlich. Sie mußte bessere Ergebnisse erzielen. Die Begegnung mit Alwyn hatte sie in ihrer ursprünglich unklaren Absicht bestärkt, das Rätsel des Gebetshausbrandes zu lösen. Sie hatte, bevor sie Greyladies verließ, bei Alwyn ein letztes Zugeständnis erreicht. Er ist ein merkwürdiger Mensch, dachte sie. Schwankt verwirrend zwischen Ablehnung und Ausbrüchen von Vertraulichkeit. Als sie aufbrechen wollte, hatte er ganz unerwartet und beiläufig gesagt:

»Die Kerle aus Oxford, die vor ungefähr zehn Jahren hier waren, die müßten Sie fragen.«

»Ja«, antwortete sie, blieb unter der Küchentür stehen und wußte, daß es unwillig klang, was sie sagte. Schlimm genug, daß er sie, wenn auch höflich, aber unmißverständlich, hinausgeworfen hatte, ohne daß er ihr zuletzt noch diesen völlig unpraktikablen Rat gab, damit sie sich ja beeilte, von hier wegzukommen.

»Aber ich kann sie nicht fragen, nicht wahr?« Alwyn hatte die Nase gerümpft und sich den roten Schopf gekratzt.

»Ich kann Ihnen die Adresse des Mannes geben, der die Ausgrabungen geleitet hat.« Wenn er ihr Erstaunen merkte, zeigte er es nicht und fuhr gelassen fort:

»Er hat Dad geschrieben, bevor sie kamen, und um Erlaubnis gefragt. Dad hebt alle Korrespondenz auf, die mit der Farm zu tun hat. Aber bedenken Sie, es ist zehn Jahre her. Vielleicht ist er weggezogen oder so.«

»Danke«, hatte sie leise gesagt. Und Alwyn darauf grinsend:

»Ah, es war also kein so verdammt idiotischer Vorschlag, wie Sie dachten, wie?« Meredith hielt an einer Ausweichstelle den Wagen an und studierte die Adresse, die Alwyn ihr gegeben hatte. Sie fragte sich, ob sie das einem seiner Ausbrüche von Gutmütigkeit zu verdanken hatte oder ob er nur ihr Interesse von Greyladies ab- und auf etwas anderes lenken wollte. Vielleicht amüsierte es ihn, sie zu überrumpeln. Wenn sie jetzt seinem Hinweis nicht folgte, würde er mit Recht sehr argwöhnisch werden. Sie konnte auch nicht mit Sicherheit annehmen, daß er es nicht erfahren würde. Bei Alwyn war es klug, nichts vorauszusetzen, soviel hatte sie inzwischen begriffen. Ob es ihr nun gefiel oder nicht, sie würde zumindest versuchen müssen, bei der Adresse vorzusprechen. Auf jeden Fall war es ein schöner Tag und Oxford eine Stadt, die sie liebte, in der sie aber schon seit längerem nicht mehr gewesen war. Sie kannte jedoch die einzelnen Wohnviertel nicht und auch nicht die Verkehrsprobleme in den Seitenstraßen. Daher dauerte es eine Zeitlang, bis sie das Haus entdeckte, eine spätviktorianische Villa in Park Town. Meredith quetschte ihren Wagen in eine Lücke am Straßenrand und stieg aus, um das Gebäude zu betrachten. Es wirkte hinter der akkurat beschnittenen Lorbeerhecke erschreckend respektabel und strahlte akademische Würde aus. Es hatte eine jener Haustüren, bei denen man instinktiv erwartete, daß sie von einem Stubenmädchen mit Rüschenhäubchen geöffnet werden würde. Es gab sogar einen polierten Schuhabkratzer aus Messing neben dem Eingang, damit Besucher sich die Schuhe vom Straßenkot säubern konnten, bevor sie eintraten. Tatsächlich wurde die Tür aber von einem etwa elfjährigen, an einem Apfel kauenden Mädchen in Jeans und pinkfarbenem Sweatshirt geöffnet. Es starrte Meredith mit dem bösen Blick an, den Kinder manchmal an sich haben.

»Ah«, sagte Meredith irritiert,

»sind deine …« Doch hier stand sie vor einem Problem. Wenn sie fragte

»Ist deine Mutter oder dein Vater zu Hause?«, riskierte sie, daß ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde. Der Brief an Alwyns Vater war mit

»Matthew Gretton« unterschrieben gewesen, daher fragte sie ohne Umschweife:

»Wohnt Mr. Matthew Gretton hier?«

»Ja«, sagte das Kind geräuschvoll kauend,

»aber er ist in der Schweiz.« Das letzte Wort wurde mit vollem Mund gesprochen. Verdammt! dachte Meredith und mußte sehr enttäuscht aussehen, denn das Kind sagte:

»Aber Dr. Gretton ist zu Hause.« Es schluckte ein erschreckend großes und nur halb zerkautes Apfelstück hinunter, erstickte aber wie durch ein Wunder nicht daran.

»Oh.« Eine weitere Komplikation. Vielleicht hätte sie nach Dr. Gretton fragen sollen? Dr. Gretton hörte sich an wie eine Person, die in Feldern nach obskuren Artefakten grub.

»Könnte ich Dr. Gretton sprechen. Mein Name ist Mitchell.«

»Warten Sie«, sagte das Kind und verschwand, rief dann irgendwo im Innern des Hauses hoch und schrill:

»Tantchen Ursie!« Meredith wartete voller Unbehagen und bereitete sich darauf vor, in ein Allerheiligstes geführt zu werden, das von einer professoralen Gestalt mit Schnupftabakspuren auf der Weste bewohnt wurde. Er würde wahrscheinlich sehr ungehalten sein, weil eine Fremde es wagte, ihn zu stören. Sie hoffte nur, daß ihr Wagen niemanden blockierte oder in einer Parkverbotszone stand. Schritte näherten sich, und eine junge Frau, etwa im gleichen Alter wie Meredith selbst, erschien. Sie hatte üppiges dunkles Haar, das mit einem Band zurückgebunden war, und unglaublich kornblumenblaue Augen. Sie trug eine farbverschmierte Kittelschürze und hatte in einer Hand eine Dose Dulux und in der anderen einen grünfleckigen Pinsel.

»Hallo«, sagte sie,

»Sie wollten mich sprechen?«

»Dr. Gretton?« fragte Meredith verblüfft.

»Ja, ich streiche grade den Gartenschuppen. Kommen Sie rein, aber eine Sekunde werden Sie schon warten müssen. Ich muß den Pinsel in Terpentin stellen und den Deckel auf die Dose tun.«

»Tut mir leid, daß ich so ungelegen komme –«, begann Meredith leicht verlegen, als sie Dr. Gretton durch die Halle folgte.

»Macht nichts«, kam die Antwort.

»Hör zu, Enid, faß mir ja den Schuppen nicht an, verstanden? Er ist feucht.« Sie waren jetzt im Hintergarten. Von einer hohen Ziegelmauer umgeben, war es ein von Natur aus sonniger Platz mit Spalierbäumen, und das Kind Enid saß auf einer Schaukel unter einem großen Kastanienbaum, und sein düsterer Blick ließ nicht von ihnen ab.

»Meine Nichte«, sagte Dr. Gretton, während sie geschickt den Deckel auf die Farbdose hämmerte. Sie stellte den Pinsel in ein Marmeladenglas, das stark nach Terpentin roch.

»Okay, wir können reden. Möchten Sie hier draußen sitzen?« Sie zeigte auf zwei Gartenstühle und zog beim Reden die Kittelschürze aus. Darunter trug sie eine leuchtend königsblaue Bluse; und sie hatte eine sehr gute Figur.

»Hören Sie, Dr. Gretton«, sagte Meredith verlegen,

»ich schneie da so einfach bei Ihnen herein. Ich hätte vorher schreiben sollen …« So gut sie konnte, schilderte sie ihre bisher vergebliche Suche und erklärte, daß sie die Privatadresse der Grettons von Alwyn bekommen hatte.

»Es ist natürlich mein Vater, den Sie sprechen wollen«, sagte Dr. Gretton.

»Ich heiße übrigens Ursula. Er hat diese Grabung geleitet. Es war eine absolut vergebliche Liebesmüh, doch er hatte das Gefühl, der Versuch könnte sich lohnen. Wie schade, daß er nicht hier ist, er hätte sich sehr gefreut, Sie kennenzulernen. Die Grauen Leute sind nicht mein Thema, daher kann ich Ihnen nicht viel sagen. Ich selbst bin Paläontologin, Ihnen also überhaupt nicht nütze.« Meredith seufzte.

»Ich weiß was«, sagte Ursula plötzlich.

»Er hat eine Kopie von Elias Lintons Tagebuch.« Sie sah Meredith’ Ratlosigkeit.

»Nie von ihm gehört?« Ursula sagte das so, als könne man ihm noch immer irgendwo begegnen.

»Er ist um achtzehnhundertfünfzig herum gestorben. War Lehrer in Bamford und hat über einen Zeitraum von dreißig Jahren ein Tagebuch geführt. Es wurde nie veröffentlicht, und das Original ist in der Bodleian Library. Aber mein Vater hat eine Fotokopie vom größten Teil. Es steht was über den Brand des Gebetshauses drin. Ich erinnere mich, daß er es mir vorgelesen hat, weil es ziemlich aufregend war. Gehen wir in sein Arbeitszimmer, und ich suche es Ihnen heraus.« Matthew Grettons Arbeitszimmer war entsprechend eindrucksvoll, ausgestattet mit Ledersesseln und einem riesigen viktorianischen Schreibtisch. Die Wände waren mit Bücherregalen bedeckt. Ursula kramte in einem Schrank und tauchte mit einem Stapel loser Blätter auf, die von einer Kordel zusammengehalten wurden.

»Hier haben wir’s.«

»Das ist wirklich schrecklich freundlich von Ihnen«, sagte Meredith.

»Ich hoffe nur, Ihr Vater hat nichts dagegen.«

»Mein Vater würde Ihnen gern helfen. Ich wünschte, ich könnte es.« Sorgfältig begann sie die Seiten umzublättern.

»Ich hoffe nur, das verflixte Kind läßt die Finger von der Farbe. Hier ist es. Kann ich Sie mit der Lektüre allein lassen, während ich kurz rausspringe und nachsehe, was Enid treibt?« Sie verschwand, und Meredith nahm die Blätter zu einem Sessel in einem Erkerfenster mit, setzte sich in einen Sonnenstrahl und begann Elias Lintons Bericht über die Zerstörung des Gebetshauses zu lesen. Er war mit einer kritzeligen, regelmäßigen Schrift geschrieben, und sie wußte sofort, daß sie das Original sehen mußte. Aber selbst diese mit modernen Mitteln erstellte Kopie konnte die Jahre auslöschen. Heute morgen habe ich erfahren, daß in der Nacht das Gebetshaus der Kongregation, die von den Bürgern der Stadt die Grauen Leute genannt wird, in Flammen aufgegangen und völlig niedergebrannt ist. Wie es scheint, begann das Feuer gegen zehn Uhr abends. Mary Anne Winthrop – Meredith zuckte zusammen –, die das Feuer von ihrem Fenster aus gesehen hatte, aber ihr Zimmer nicht verlassen konnte, weil die Tür versperrt war, kletterte aus demselben Fenster auf einen Bergahornbaum, der dicht am Hause steht. Nur mit dem Unterrock bekleidet und einer Decke, die sie vom Bett gerafft hatte, rannte sie über die Felder (die zur Zeit leicht verschneit sind) zum Haus von Mr. Phillips und weckte das ganze Haus, um Alarm zu geben. Mein Informant hat mir erzählt, daß Mary Anne sehr aufgeregt war und den Rest der Nacht unter Mr. Phillips’ Dach verbrachte, wo seine Frau sich um sie kümmerte. Heute morgen seien jedoch zwei ihrer Brüder gekommen und hätten Mary Anne, die noch weinte und sehr aufgeregt war, schon vor Tagesanbruch abgeholt. Vom Gebetshaus, sagt man mir, ist nichts mehr übrig, außer ein paar geschwärzten Steinen und noch schwelenden Bohlen. Heute nachmittag werde ich mit meinem treuen Hund hinausgehen, um mir alles anzusehen, vorausgesetzt, es schneit nicht wieder. Leider mußte es geschneit haben, oder etwas anderes hatte Elias abgehalten, denn es folgte keine Augenzeugenbeschreibung. So fasziniert war Meredith von diesem spärlichen Bericht, der mehr Fragen aufwarf als beantwortete, daß sie nicht merkte, daß Ursula zurückgekommen war und sie von der Tür her lächelnd beobachtete.

»Wundervoll, nicht wahr?« sagte Ursula.

»Und ob«, pflichtete Meredith ihr mit großem Nachdruck bei.

»Dürfte ich mir eine Kopie machen?« Sie wollte sich durch diese faszinierende alte Geschichte nicht von ihren gegenwärtigen Ermittlungen ablenken oder ihr Urteilsvermögen trüben lassen, aber wenn man an ererbte Anlagen glaubte, warf sie ein interessantes Licht auf die Winthrops.

»Warum, glauben Sie«, fragte sie impulsiv,

»war Mary Anne Winthrop wohl in ihrem Zimmer eingesperrt und mußte, um hinauszukommen, ihren Hals riskieren und dann halb angezogen über die Felder zum Haus dieses Mr. Phillips’ rennen, um Alarm zu schlagen? Wo waren die übrigen Winthrops und die Farmarbeiter?«

»Keine Ahnung«, sagte Ursula offen.

»Aber man fragt sich unwillkürlich, was auf dieser Farm vorgegangen sein mag, nicht wahr?«

Es wurde Abend. Der Parkplatz war schon dunkel und verlassen. Der alte Ford Capri, der in einer Ecke parkte, glich in Zustand und Alter fast jedem anderen Wagen dort und erregte keine Aufmerksamkeit, obwohl er einem Fremden gehörte. In einer Wohnung im obersten Stockwerk des grauen Hauses mit Sozialwohnungen setzte sich Sean Daley an den Tisch vor einen gehäuften Teller mit Braten und Kartoffeln.

»Das ist so lieb von dir, Tante Bridie. Weißt du, daß dies das erste Essen ist, das ich ansehen kann, seit – seit es passiert ist?«

»Eine schreckliche Sache«, sagte Tante Bridie.

»Möge seine Seele in Frieden ruhen, wer immer er war. Aber ein Mann muß bei Kräften bleiben, Sean. Willst du ein bißchen Tomatenketchup?«

»Und dann ist die Polizei gekommen und hat uns allen

Fragen gestellt.«

»Ah, die Polizei –«, sagte Tante Bridie rätselhaft.

»Du willst doch nicht auf die falsche Seite geraten, Sean?«

»Es war nicht meine Schuld, daß ich ihn ausgegraben habe.«

»Natürlich nicht – ich mache nur schnell eine Kanne Tee. Wir waren immer eine respektable Familie. Ich hab nichts gegen die Polizei, wenn auch der Vandalismus in dieser Siedlung schrecklich ist und die Cops nichts dagegen tun. Zufällig hab ich gestern einen Obstkuchen gebacken. Ich muß gewußt haben, daß du kommst.«

»Ich möchte dir keine Mühe machen, Tante Bridie. Ich bleib nur über Nacht. Hab im Auto geschlafen und nur jemanden gebraucht, mit dem ich darüber reden kann.«

»Es macht mir keine Mühe. Bist du nicht der Sohn meiner Schwester? Im Auto schlafen, also wirklich. Du wirst hier im Bett schlafen wie ein Christenmensch. Ich hab übrigens einen Brief von deiner Ma bekommen, liegt da drüben auf der Anrichte.« Sie ging zu einem Möbelstück, das unter Plastikstatuen aus Lourdes, Muschelgrotten, Andenken und einem gerahmten Bild seiner Heiligkeit halb begraben war.

»Hier ist er. Sie schreibt sehr gut. Man würde nie vermuten, daß sie ab und zu einen Tropfen trinkt.«

»Hör zu, Tante Bridie, mich bedrückt etwas, und ich muß es jemandem erzählen.« Den Brief an die Brust pressend, hielt seine Tante inne.

»Geht es um ein Mädchen, Sean? Hast du etwa ein Mädchen in Schwierigkeiten gebracht? Es war schon schlimm genug, als deine Schwester Cathy …«

»Nein, es geht um den Kerl – um den, den ich ausgegraben habe.«

»Ach ja?« Sie setzte sich und fixierte ihn mit einem stählernen Blick.

»Red schon, Sean. Und mach mir kein X für ein U vor.«

»Das will ich ja gar nicht. Es ist nur so, daß die Polizei mit einem Foto von dem Kerl zu uns gekommen ist – nachdem ich ihn ausgegraben und sie ihn weggebracht hatten. Ich habe gesagt, ich hätte ihn nie gesehen, bevor meine Schaufel ihn aus dem Graben geholt hatte. Sie haben mich nicht allzusehr geplagt, waren sogar ziemlich rücksichtsvoll.«

»Das war auch richtig so. Du hast einen schrecklichen Schock gehabt. Da könnte einer ja verrückt von werden.«

»Aber weißt du, Tante Bridie, ich bin fast sicher, daß ich ihn gesehen hab. Als ich ihn ausgrub, hab ich nicht gedacht, weißt du – ich meine, da hab ich ihn mir nicht richtig angesehen. Ich bin nur gerannt. Aber als sie mir das Foto zeigten, ist er mir irgendwie bekannt vorgekommen. Ich hab darüber nachgedacht. Und dann hab ich mich erinnert, wo ich ihn schon gesehen hatte. Ich will keine Schwierigkeiten, Tante Bridie. Ich will nicht mehr dorthin zurück. Und ich möchte nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen. Schließlich läuft dort noch immer ein Mörder frei herum, und ich möchte nicht, daß er mich sucht. Aber dann hat die Polizei gesagt, ich muß mich zur Verfügung halten, so drücken sie es aus. Sie haben von einer Leichenschau gesprochen, und dort sollte ich aussagen, wie ich ihn gefunden hab. Ich hätte Fragen beantworten müssen. Und das kann ich nicht, weil ich Schwierigkeiten bekommen tat. Aber jetzt stecke ich sowieso mittendrin, weil ich weggelaufen und nicht dort geblieben bin. Vielleicht suchen sie mich sogar. Was, glaubst du, soll ich machen?«

»Du hast nichts Unrechtes getan, Sean. Niemand wird dir übelnehmen, daß du Angst hattest. Aber vielleicht sollten wir mit Pfarrer Brady von St. Dominic sprechen.«

»Ich will nicht, daß es jemand weiß, Tante.« Sie stand auf und griff nach der Teekanne.

»Trink deinen Tee, iß ein Stück Kuchen und lies den Brief deiner Ma.« Sie unterbrach sich kurz.

»Morgen denken wir dann weiter darüber nach.« KAPITEL 12

»Wie sind Sie auf der Farm zurechtgekommen?« fragte Markby, als Meredith ihm am Abend die Haustür öffnete. Ihr Anblick stimmte ihn fröhlich. Sie trug ein rotes Hemdblusenkleid, das ihm besonders gut gefiel, und er vermutete, daß sie sich eben die Haare gewaschen und gefönt hatte, weil sie ihr so locker ums Gesicht wehten und im Glanz des Dielenlichts schimmerten. Er gab sich dem kurzen Traum hin, daß sie ihn am Ende eines Tages immer so erwartete.

»Es hat im Hinblick auf die Grauen Leute ein paar Dinge gegeben, die nachdenkenswert sind, aber bei den Winthrops selbst habe ich keine großen Fortschritte gemacht. Alwyn hat mir die Familienbibel gezeigt, die sehr interessant war. Doch ein Plappermaul ist er nicht gerade, oder? Über die Baustelle will er nicht sprechen, und er mag keine Fremden. Er sagt, sie sind nicht sehr gastfreundlich, und das glaube ich ihm. Was für ein seltsamer Ort. Wußten Sie, daß das Farmhaus sechzehnhundertzweiundneunzig erbaut wurde?«

»Nein, und ebensowenig habe ich gewußt, daß die Winthrops eine Familienbibel haben. Sie haben offensichtlich mehr erreicht als ich, Meredith.«

»Nun, vielleicht bin ich nur auf ein weiteres Geheimnis gestoßen.« Sie erzählte ihm von Dr. Gretton und Elias Lintons Bericht über den Brand des Gebetshauses.

»Alwyn hat mir Grettons Adresse gegeben, aber nur um mich loszuwerden, vermute ich. Die Winthrops mögen einfach keine Fragen. Was ist das nur mit Greyladies? Dort herrscht eine ganz merkwürdige Atmosphäre. Bei diesen Steinen, zum Beispiel, ich bin wirklich nicht überspannt, aber ich hatte dort irgendwie das Gefühl einer Anwesenheit, keiner sehr glücklichen übrigens. Diese Familie hat wirklich eine merkwürdige Geschichte. Glauben Sie, die Winthrops von achtzehnhundertvierzig haben den Brand selbst gelegt?«

»Warum denn, in aller Welt?«

»Das weiß ich bisher noch nicht, aber ich arbeite daran. Ursula meint, sie müssen achtzehnhundertzweiundvierzig ein seltsamer Haufen gewesen sein. Wenn Sie bedenken, daß die heutigen Winthrops die genetischen Abkömmlinge der viktorianischen sind, kommt man wirklich ins Grübeln.«

»Wir alle haben in unserem Stammbaum den einen oder anderen sonderbaren Vorfahren«, wandte Markby ein.

»Früher, als die Markbys noch das Geld für kostspielige Exzentrizitäten hatten, hielt sich einer meiner Großonkel einen zahmen Geparden, von dem er behauptete, er sei die irdische Gestalt der Seele seiner verstorbenen Frau.«

»Der war doch einfach verrückt, wobei ich nicht respektlos sein möchte. Die Winthrops sind geistig gesund, aber anders. Ursulas Vater Matthew Gretton, der die Ausgrabungen leitete, interessiert sich weniger für den Brand als für die religiösen Riten der Grauen Leute und die Innenausstattung des Gebetshauses. Aber er macht sich so seine eigenen Gedanken darüber, und was mehr ist, er weiß sehr viel über die allgemeinen Schikanen, denen die Sekte ausgesetzt war. Deshalb muß ich mich mit ihm treffen. Ursula sagt, sie wird das einfädeln, und damit ich eine Lesekarte bekomme, will sie mir auch einen Brief für die Bodleian Library geben, in dem sie mir bestätigt, daß ich mich für das Thema aufrichtig interessiere. Dann kann ich Elias Lintons Tagebuch im Original lesen.«

»Scheint mir, Sie haben im Lauf eines Tages eine ganze Menge geschafft«, sagte er.

»Nun ja, gewissermaßen nach dem System einen Schritt vorwärts und zwei Schritte zurück. Keine Ahnung, wie wichtig das alles für Ihren bedauernswerten Toten ist. Wenn wir schon von Fortschritten sprechen – haben Sie etwas über die verbrannte Kleidung erfahren, die ich gefunden habe? Irgendwelche Erkenntnisse?«

»Sie ist ein Teil unserer Ermittlungen.« Er erwartete gar nicht, daß er damit davonkam. Sie rebellierte sofort.

»Reden Sie bloß nicht so hochtrabend daher. Ich hab das Zeug gefunden.«

»Das berechtigt Sie noch lange nicht, bevorzugt Auskünfte zu bekommen.«

»Sie spielen nicht fair. Ich habe Ihnen von meinen Fortschritten erzählt.«

»Ihre Sache ist nicht Polizeiangelegenheit.« Markby sah die Kampfeslust in ihren braunen Augen und gab nach, möglicherweise wegen der Augen selbst. Doch auch, weil er wußte, sie würde ihm keine Ruhe geben, bis er ihr etwas sagte.

»Wir wissen nicht, ob es die Sachen des Toten sind, aber es ist möglich. Der Reißverschluß, das einzige intakte Stück, ist ausländischer Herkunft, und zwar von der Art, wie er in schwere Jeansjacken oder Lederblousons eingenäht wird.«

»Ich habe Ihnen gesagt, er ist ein Ausländer, mit diesen vielen Goldzähnen.« Sie nickte triumphierend, und das Haar tanzte wieder um ihr Gesicht.

»O Gott!« sagte er hilflos.

»Was?« Sie sah ihn verblüfft an. Markby riß sich zusammen und drängte die wilderen Bilder seiner Phantasie in sein Unterbewußtsein zurück.

»Bilden Sie sich ja nichts ein«, sagte er streng.

»Zufällig hat mir noch jemand gesagt, daß er Ausländer gewesen sein könnte. Der Sprache nach.«

»Ah, Sie haben jemanden entdeckt, der mit ihm gesprochen hat?« Er seufzte tief.

»Es gibt, nehme ich an, keinen Grund, warum ich es Ihnen nicht sagen sollte, da ich auf dem Bahnhof von Bamford ein Plakat mit der Information aufhängen ließ. Der Bahnsteigschaffner glaubt, den Mann auf dem Foto erkannt zu haben. Es ist möglich, daß er an dem Mittwoch, bevor er ermordet wurde, mit dem Vormittagszug gekommen ist. Harry, der Bahnsteigschaffner, sagt, der Mann habe irgendwie fremdartig geredet und einen Plastikbeutel bei sich gehabt, wie man ihn auf einer Kanalfähre im Duty-free-Shop bekommt. Harry ist zuverlässig. Also habe ich ein Plakat mit dem Foto des Toten aufhängen lassen; dazu die Frage, ob Reisende aus London, die vorletzten Mittwoch mit dem Zug um elf Uhr zehn in Bamford eingetroffen sind, diesen Mann gesehen haben. Ein Exemplar haben wir auch nach London an Scotland Yard geschickt und gebeten, es auf dem zuständigen Bahnsteig aufzuhängen. Außerdem sind Plakate an alle Kanalhäfen gegangen, in der vagen Hoffnung, daß jemand den Mann erkennt. Vielleicht ist er erst ein oder zwei Tage bevor er nach Bamford weitergefahren ist, in England eingetroffen. Ich glaube aber nicht, daß sich jetzt noch jemand an ihn erinnern wird. Es ist zu lange her.«

»Wußte der Bahnsteigschaffner noch, wie er angezogen war?« Markby schüttelte den Kopf.

»Leger, das war alles. Gut, gut, das könnte eine Verbindung zu dem Reißverschluß herstellen, den Sie gefunden haben, aber zwingend ist es nicht. Ausländische Kleidung bedeutet nicht unbedingt einen ausländischen Träger. Es werden Unmengen von modischen Dingen importiert. Eine Menge Kurzwaren, Knöpfe, Reißverschlüsse, Besätze. Die Jacke, zu der dieser Reißverschluß gehörte, könnte hier hergestellt und von einem Schotten im Kilt getragen worden sein. Man kann sie nicht automatisch unserem Mann zuordnen.« Energisch wechselte er das Thema.

»Gehen wir etwas trinken? Ich habe keine Lust, den ganzen Abend zu fachsimpeln. Ich habe den ganzen Tag mit dem Fall zu tun, das reicht.« Aber eigentlich wollte er nur fort aus Lauras Haus und der häuslichen Intimität, die es vortäuschte. Es war Zeit, ein Tête-à-tête zu beenden, in das er sich immer tiefer zu verstricken drohte. Wieder tauchten aus seinem Unterbewußtsein die Bilder auf, flatternd wie Schmetterlinge in der Sonne.

»Los, kommen Sie schon«, sagte er energisch.

»Steve erwartet uns.« Es war viel sicherer, irgendwo anders und in Gesellschaft zu sein, denn dann geriet er nicht in Gefahr, unkluge Erklärungen von sich zu geben. Der vernünftige Entschluß überlebte gerade noch den Augenblick, in dem sie das Gesicht verzog, die Nase rümpfte und eine braune Haarsträhne zurückwarf. Ins Fox and Hounds war es nicht weit. Es lag außerhalb der Stadt, nur einen Steinwurf von der Großbaustelle entfernt. Das Lokal war klein, hervorgegangen aus der Herberge einer Poststation, mit winzigen Räumen, die durch offene Türöffnungen ineinander übergingen, nachdem die Türen selbst entfernt worden waren. Wie alle Gasthöfe dieser Art hatte es einen großen ehemaligen Stallhof und zahlreiche Nebengebäude; in einem von ihnen war heute die Küche unterge bracht. Es roch streng nach Gebratenem. Die winzige Bar, in die sie sich hineinquetschten, war bereits überfüllt. Ein paar Leute sahen wie Einheimische aus und ein paar andere wie Arbeiter von der Baustelle. Die unterschiedlichsten Stimmen und Akzente bildeten die Hintergrundgeräusche. Markby berührte Meredith’ Arm.

»Steve ist schon hier.« Er zeigte in eine Ecke, in der ein jüngerer Mann mit lockigem Haar und einem Pullover mit rundem Halsausschnitt vor einem Pint saß und in einer Zeitung ein Kreuzworträtsel löste, obwohl es fast unmöglich sein mußte, sich bei diesem Krach zu konzentrieren. Markby bahnte sich einen Weg zu ihm und rief seinen Namen. Der Rätselrater blickte auf, lächelte, legte die Zeitung weg, stand, als er Meredith erblickte, halb auf und streckte die Hand aus.

»Sie sind Meredith. Endlich! Er hält Sie vor uns allen versteckt.«

»Nicht seine Schuld«, sagte Meredith.

»Ich wohne derzeit in London.« Zu ihren Füßen begann ein Scharren und Kratzen, und ein Stuhl bewegte sich von selbst. Erschrocken schaute Meredith hinunter und sah einen kleinen Hund, der mit der Leine an einem Stuhlbein festgebunden war. Er drängte vorwärts, entschlossen, die Neuankömmlinge zu begrüßen, und zerrte den Stuhl mit.

»Das ist Patch«, sagte Steve Wetherall.

»Wartet, ich mache ihn los. Der Jammer ist, wenn ich ihn nicht anbinde, haut er ab und wird getreten. Da er ein bißchen klein geraten ist, passiert das häufig, wenn er den Leuten unter die Füße kommt.« Er zog den Hund auf seine Tischseite und wickelte sich das Ende der Leine ums Handgelenk. Meredith quetschte sich neben ihm in die Ecke, und Patch legte ihr die Pfoten auf die Knie und grinste sie glücklich an.

»Es macht mir nichts aus«, versicherte sie Steve, der anfing, sich für seinen übereifrigen Liebling zu entschuldigen. Sie tätschelte dem kleinen Hund den Kopf.

»Ich habe nicht erwartet, daß es heute abend hier so voll ist.«

»Gut die Hälfte der Gäste kommt von der Baustelle.« Wie zur Bekräftigung seiner Worte wurde er gleich darauf von ein paar Männern gegrüßt und antwortete mit einem Nicken.

»Sie kennen mich alle«, fügte er überflüssigerweise hinzu. Markby unterbrach ihn, fragte, was sie trinken wollten, und machte sich auf den Weg zur Bar.

»Vor ein paar Tagen habe ich Ihre Baustelle besucht«, sagte Meredith.

»Das hätte ich wahrscheinlich nicht tun sollen. Ich habe herumgeschnüffelt. Das heißt, ich hatte die Absicht herumzuschnüffeln, aber aus einem guten Grund, ich wollte Alan helfen, bin aber nicht dazu gekommen. Der Polier hat mich hinausgeworfen.« Steve schnitt eine Grimasse.

»Jerry Hersey ist ein Nagel zu meinem Sarg. Unter uns gesagt, er ist ein durch und durch unangenehmer Mensch. Und er bellt nicht nur, er beißt auch. Ich gebe zu, daß auf dieser Baustelle von Anfang an so ziemlich alles schiefgegangen ist. Wir hatten Probleme mit dem Grundwasser und dann mit einer Ladung Ziegel, und ganz offen gesagt, daß wir eine Leiche im Fundament gefunden haben, war auch höchst überflüssig.«

»Das muß ein schlimmer Schock gewesen sein. Alan hat mir erzählt, daß Sie dabei waren, als der Tote gefunden wurde.«

»Als Daley ihn ausgegraben hat. Ja, es war unerfreulich. Daley ist seither verschwunden, und ich muß sagen, ich nehme es ihm nicht übel. Ich habe erwartet, daß noch mehr Männer kündigen. Keiner geht auch nur in die Nähe der Fundstelle, müssen Sie wissen. Sie weigern sich sogar, den Graben aufzufüllen. Hersey ist auch keine Hilfe. Aber ist er das überhaupt einmal? Wenn mir der Gedanke gekommen wäre, hätte ich ihm auch eins über den Schädel gezogen und ihn in einem Fundament verbuddelt.« Steve machte ein verlegenes Gesicht.

»Das war ein schlechter Scherz. Aber er beschwert sich dauernd darüber, daß alles schiefgeht, und gibt allen anderen die Schuld, nur nicht sich selbst. Wenn er seine Arbeit gemacht hätte …« Er unterbrach sich.

»Tut mir leid, nicht Ihr Problem.«

»Sind Sie der einzige Architekt für dieses Projekt?«

»Meine Firma hat den Kontrakt. Nun, es ist praktisch ein Einmann-Unternehmen, also bin ich’s in gewisser Weise, ja. Ich habe verdammt viel Arbeit in diese Baupläne gesteckt, das ist kein Geheimnis. Habe auf einen künftigen kommerziellen Durchbruch gehofft. Wenn Sie sich in dieser Branche einmal einen guten Ruf geschaffen haben, dann bleibt er. Die Leute kommen das nächste Mal zu Ihnen. Aber genauso kann Sie eine schlechte Aura fertigmachen. Das ist es, was uns der Tote antut. Er hat nichts mit mir zu tun, nichts mit dem Bauvorhaben, dem Bauunternehmer, mit keinem von uns. Aber er hängt uns wie ein verdammter Albatros am Hals.« Sie drückte ihr Mitgefühl aus, und Steve seufzte. Patch kläffte leise und ungeduldig.

»Er will seine Crisps«, sagte sein Herrchen und griff nach dem Paket, das auf dem Tisch lag.

»Entschuldigen Sie. Ich habe immer ein Paket Crisps mit Speckgeschmack für ihn dabei.« Er riß das Paket auf und begann den Hund zu füttern.

»In diesem Pub kann man das«, sagte er.

»Das ist einer der Gründe, warum ich herkomme. Zu viele andere Lokale hier herum sind zu exklusiv geworden, und manche mögen überhaupt keine Hunde.«

»Ist das nicht Alwyn Winthrop?« fragte Meredith plötzlich, als die Menge beim Eingang sich teilte.

»Ihn kann man nicht übersehen, nicht wahr?«

»Alwyn?« Steve warf einen flüchtigen Blick hinüber und nickte.

»Ja, er ist fast jeden Abend hier. Es ist für ihn die einzige Möglichkeit, von der Farm wegzukommen, nehme ich an. Wenn ich manchmal denke, daß mein Leben allmählich zu schwierig wird, sehe ich mir Alwyn an und fasse wieder Mut. Armer Teufel. Er hat die Hölle auf Erden, wissen Sie?« Er zerknüllte die leere Crisps-Tüte zu einem Ball und ließ sie in den Aschenbecher fallen.

»Das wußte ich nicht, aber ich bin neugierig«, gab Meredith offen zu. Doch Alwyn hatte sie gesehen. Er nickte ihnen kurz zu und stellte sich neben Markby, der noch immer ungeduldig an der Bar darauf wartete, bedient zu werden.

»Erzähl ich Ihnen ein andermal«, sagte Steve. Die Bedienung tauchte endlich auf, nachdem sie in anderen Räumen dieses Kaninchenbaus von einem Pub Getränke serviert hatte, und begrüßte Alwyn mit lärmender Fröhlichkeit,

»’n Abend, Alwyn, das Übliche? Mum und Dad wohlauf?«

»Es geht ihnen gut, danke.« Alwyn kramte in der Tasche seines Tweedjacketts und legte mehrere Münzen auf die Bar. Die meisten Männer gingen abends mit Brieftaschen aus. Alwyn hatte Kleingeld lose in der Tasche. Das erzählte eine ganz eigene Geschichte. Alwyn hatte der Bedienung automatisch geantwortet, doch Meredith bildete sich ein, hinter seinen Worten eine unterdrückte Spannung zu spüren. In seinem Alter würde man die meisten Männer fragen, wie es Frau und Kindern gehe. Alwyn war mit über vierzig Jahren noch zu Hause, noch unverheiratet, und die Leute fragten ihn nach seinen Eltern. Egal wie alt er war, Alwyn wurde behandelt, als sei er noch und für immer und ewig minderjährig. Das mußte äußerst unangenehm sein, und vielleicht mehr als das. Alwyn hatte etwas an sich, das von geheimer, quälender, sehr realer Verzweiflung sprach. Er wechselte jetzt einen Gruß mit Markby der von Alwyns Seite aus ein wenig aggressiv ausfiel und darin gipfelte, daß er sagte:

»Ich wünschte, du würdest verdammt noch mal aufhören, auf unserm Land rumzuschnüffeln.«

»Tut mir leid«, sagte Markby vergnügt.

»Es mußte sein.«

»Dieses verdammte Feuer kann nur von Zigeunern stammen, muß von ihnen stammen. Dad läßt immer wieder fahrendes Volk auf unserem Land kampieren. Er meint, wenn man sie fair behandelt, behandeln sie einen auch fair. Wir haben mit dem fahrenden Volk nie Schwierigkeiten gehabt.« Alwyn nahm sein Pint und nickte der Bedienung zu.

»Anders als mit den hiesigen Kids. Vielleicht haben sie das Feuer angezündet. Junge Lümmel, die allen möglichen Schaden anrichten, Hecken niederreißen, Feuer anzünden, mit ihren verflixten Motorrädern rumfahren und die Schafe nervös machen. Ich hab sie schon früher wegjagen müssen.«

»Wir werden sehen. Von uns wird dir niemand in die Quere kommen, Alwyn, wir werden die Schafe nicht stören.« Markby grinste. Alwyn fand es nicht komisch.

»Es geht nicht um die Schafe, und es geht nicht um mich. Es geht um Jess. Du weißt, wie sie ist. Ein Nervenbündel. Sie hat sich aufgeregt. Sie mag keine Fremden auf der Farm und keine Cops, die in allen Büschen rumkriechen und überall ihre verdammten Streifenwagen parken …« Alwyn schien sich an Markbys Beruf zu erinnern.

»Nichts für ungut, Alan. Aber du weißt, was ich meine.«

»Ja, das weiß ich. Viele Leute sind der gleichen Meinung, man mag uns nicht. Willst du dich nicht zu uns setzen?« Markby hatte das Tablett mit den Drinks aufgenommen und zeigte auf Meredith und Steve. Alwyn zögerte, folgte dann aber Markby an den Tisch. Es wurde sehr eng, als sie sich auf ihre Stühle zwängten. Patch, der auf dem Fußboden am meisten unter dem Gedränge zu leiden hatte, löste das Problem, indem er mit einem Satz auf Alwyns Schoß landete. Alwyn schien nicht überrascht und kraulte dem kleinen Hund die Ohren.

»Alte Freunde«, sagte Meredith lächelnd. Alwyn warf ihr ganz unerwartet ein scheues Lächeln zu und schaute dann hastig weg.

»Warum bringen Sie Ihren Hund nicht mit?« fragte sie. Sie sah den Ausdruck leichten Erstaunens in seinem Gesicht und beantwortete ihre Frage selbst, noch bevor er es tun konnte:

»Ich weiß, Arbeitshund.«

»Whisky mag keine Menschenmengen«, sagte Alwyn.

»Ist es gewohnt, auf den Feldern zu sein. Wie ich«, fügte er hinzu.

»Hier ist es wirklich sehr eng«, stellte sie fest.

»War früher nicht so, damals, bevor sie angefangen haben zu bauen. An manchen Abenden war ich der einzige Gast.«

»Nichts wird hier jemals wieder so sein wie früher«, sagte Markby düster.

»Nicht, seit man angefangen hat, die Landschaft mit Ziegelsteinen zuzumauern.«

»Erklären Sie ihm bitte«, sagte Steve zu Meredith und zeigte mit seinem Bierglas auf Markby,

»daß er eine vorsintflutliche Trantüte ist und es Zeit wird, daß er anfängt modern zu denken.«

»Warum ich?«

»Weil ich es ihm schon gesagt habe und er nicht auf mich hört. Vielleicht hört er auf Sie.«

»Das bezweifle ich«, sagte Meredith.

»Jetzt hört ihr beide mal mir zu«, sagte Markby bockig.

»Für mich ist es kein Segen, wenn man noch mehr gutes Bauernland für noch mehr Häuser aufwühlt, Hecken niederreißt, den Tieren ihren Lebensraum nimmt, Wildblumen vernichtet, die gesamte Ökologie dieses ganzen Gebietes auf den Kopf stellt.« Er wandte sich an Alwyn.

»Was sagst du dazu?«

»Ich?« Alwyn zuckte mit den Schultern.

»Das Land ist so gut wie das, was es hervorbringt. Auf unserem wächst Gras. Ich habe keine Zeit, Blumen zu pflücken.«

»Wildblumen darf man nicht pflücken«, sagte Meredith.

»Das ist verboten.«

»Und warum?« fragte Markby triumphierend.

»Weil es nur noch wenige Gegenden gibt, in denen sie wachsen. Komm schon, Alwyn – und du auch, Steve. Als Kinder sind wir unten am Fluß stundenlang durch den Wald gestreift. Ich kann mich noch gut erinnern, daß es da im Frühling ganze Teppiche aus blauen Glockenblumen gab und gelbe Schlüsselblumen …«

»Es sind noch viele Plätze übrig«, sagte der Architekt.

»Natürlich hat es mir leid getan, daß die Lonely Farm abgerissen wurde. Aber sie war baufällig. Land ist wertvoll. Man kann es nicht einfach brachliegen lassen.« Alwyn beobachtete Steve scharf, horchte, wie es schien, merkwürdig aufmerksam auf jede Silbe. Jetzt wandte er den Blick ab und betrachtete dann gedankenvoll den Hund auf seinem Schoß. Leise sprach er auf das Tier ein, und Patch wedelte so heftig mit seinem Stummelschwänzchen, daß er Alwyn beinahe von den Knien rutschte.

»O nein!« rief Steve plötzlich stöhnend.

»Nicht dieser verdammte Hersey! Nicht ausgerechnet an dem Abend, an dem ich ausgehe. Ich weigere mich – weigere mich strikt, ihn zu einem Drink einzuladen.« Eine laute, aggressive Stimme übertönte jetzt alle anderen. Die Menge teilte sich bereitwillig, und Jerry Hersey schritt in seiner ganzen Größe zur Bar. Er war jetzt ein bißchen besser angezogen, aber nicht viel. Er behielt die Mütze auf dem Kopf, und die Augen hinter der Hornbrille hatten noch immer den starren Blick eines Wüterichs.

»Guten Abend, Jerry«, sagte Steve resigniert. Hersey blieb an ihrem Tisch stehen und blickte finster auf sie hinunter.

»Soso, Sie stecken also tatsächlich mit den Cops unter einer Decke?« sagte er mürrisch.

»Plaudern ein bißchen aus der Schule, wie? Und was macht die hier?«

»Ich trinke etwas, wenn Sie nichts dagegen haben«, sagte Meredith scharf. Sich von Hersey auf der Baustelle beleidigen zu lassen, war eines. Hier war es etwas anderes. Hier zu sein hatte sie unbestreitbar dasselbe Recht wie er.

»Hab gedacht, daß Sie vielleicht den Holzfußboden aufreißen«, sagte Hersey sarkastisch.

»Vielleicht hoffen, historisches Kramzeug zu finden. Und noch eine Leiche.« Er wandte seinen bösen Blick Alwyn zu.

»Guten Abend, Alwyn«, sagte er beinahe höflich. Alwyn nickte.

»Guten Abend, Jerry. Wie geht’s?«

»Immer schlechter. Frag ihn.« Herseys schmutziger Finger zeigte auf Steve.

»Oder ihn.« Der Finger stach nach Markby.

»Nichts wird fertig.«

»Ich nehme an, Sie haben noch nichts von Daley gehört?« fragte Markby gelassen.

»’türlich nicht. Ihre Truppe hat ihn verschreckt. Ein Wunder, daß überhaupt noch jemand bei uns arbeitet.«

»Ja, das ist es wirklich!« fauchte Steve mit einem bedeutsamen Blick auf Hersey. Er prallte von Hersey ab.

»Ich werde mir ein Bier holen und es in einer anderen Bar trinken«, sagte er.

»Gott sei Dank«, sagte Steve aus tiefstem Herzen, als Hersey davonschlenderte.

»Ein wirklich unangenehmer Mensch«, sagte Meredith.

»Sie sind zu bedauern, weil Sie mit ihm arbeiten müssen.«

»Jerry ist in Ordnung«, sagte Alwyn zur größten Überraschung aller. Sie starrten ihn an. Alwyn errötete.

»Nun, er ist kein Schönredner, aber auf seine Art ist er in Ordnung.«

»Will verdammt sein, wenn ich das je gemerkt habe«, sagte Steve.

»Sie arbeiten in einem Büro«, sagte Alwyn, und diesmal wurde Steve rot. Markby sprang als Friedensstifter ein.

»Spielst du noch immer für das Dart-Team hier im Pub?«

»Nein, mußte es aufgeben, wegen des Lammens und so. Konnte die Zeit nicht aufbringen, zu auswärtigen Matchs mitzufahren.«

»Da ist ja noch ein bekanntes Gesicht«, sagte Meredith plötzlich.

»Ihre Schwester, Alwyn.« Alwyn blieb der Mund offenstehen. Er starrte sie an und drehte sich dann so heftig auf dem Stuhl um, daß er Patch geradezu rüde von seinem sicheren Plätzchen vertrieb. Jessica hatte eben die Bar betreten, und hinter ihr sah Meredith Michael Denton. Zwischen den beiden und dem Tisch standen noch mehrere andere Gäste, aber Jessica hatte sie bereits gesehen, drehte sich zu Michael um, sagte etwas zu ihm, und er neigte den Kopf, um sie zu verstehen. Er nickte, und das Paar kam auf den Tisch zu. Doch bevor jemand etwas sagen oder irgendwie reagieren konnte, war Alwyn aufgesprungen und brüllte so laut, daß alle anderen Gespräche in der Bar verstummten und sich alle Köpfe ihnen zuwandten:

»Was zum Teufel tust du hier, Jess?« In der Stille, umgeben von beobachtenden, neugierigen Gesichtern, sagte Jessica verhältnismäßig ruhig, so daß Meredith sie bewundern mußte:

»Wir sind hier, um etwas zu trinken, genau wie du. Das ist Mike, Alwyn, ich habe dir von ihm erzählt und daß ich ihn in der Stadt getroffen habe. Wir waren zusammen auf der Pädagogischen Hochschule. Hallo, Meredith.«

»Hallo«, sagte Meredith besorgt. Neben ihr dampfte Alwyn wie ein feuerspeiender Vulkan. Steve hatte seinen Hund vorsichtig aus der Gefahrenzone gebracht.

»Ach, warst du das tatsächlich? Nun, zu Ihrer Information –« Alwyn wandte sich Michael zu, der näher gekommen war und grüßend die Hand ausstreckte. Alwyn ignorierte sie.

»Ich wünsche nicht, daß meine Schwester sich in Pubs herumtreibt.« Die riesigen Hände geballt, beugte er sich drohend vor. Sein Gesicht hatte sich gerötet, und er bot mit feurigem Haarschopf und dem vorspringenden Kinn einen eindrucksvollen Anblick. Mehrere Zuschauer rückten ein Stück ab. Völlig irrelevant dachte Meredith: Vor hundert Jahren oder so hätte er sich sein Biergeld auf Jahrmärkten bei Boxkämpfen mit bloßen Händen verdienen können. Die Bedienung war mit der offensichtlichen Absicht, den Wirt zu holen, sehr schnell in einen der anderen Barräume verschwunden. Aus dem Augenwinkel sah Meredith, wie Markby seinen Stuhl zurückschob, damit er genug Platz hatte, um, wenn nötig, aufzuspringen und vermittelnd eingreifen zu können. Sie hoffte, es würde nicht nötig sein, denn selbst mit Steve an der Seite hätte er alle Hände voll zu tun.

»Oh, sei nicht albern, Alwyn«, sagte Jessica und überraschte Meredith mit ihrem Mut. Sie schien über das aggressive Benehmen ihres Bruders nicht im geringsten betroffen. Auch Alwyn schien verblüfft. Er blinzelte, straffte sich und lockerte die Fäuste.

»Es sind viele Frauen hier«, fuhr Jessica fort.

»Meredith ist hier.«

»Mich schert nicht, wer hier ist. Du bist meine Schwester, und ich will dich hier nicht haben. Du gehst sofort nach Hause.« Er grollte zwar noch, sah aber nicht mehr ganz sicher und verdrießlicher aus.

»Es ist doch in Ordnung«, mischte Michael sich ein.

»Dies hier ist doch ein hübsches, kleines Pub. Ich würde mit Jessica nie in ein zwielichtiges Lokal gehen.«

»Sie werden mit Jessica überhaupt nirgendwohin gehen, und damit hat es sich!« brüllte Alwyn, und seine geballte Aggression kehrte zurück.

»Wer zum Teufel sind Sie überhaupt, und was gibt Ihnen das Recht, so locker und freundschaftlich mit Jess umzugehen?«

»Ich entscheide, ob ich mit Michael irgendwohin gehe«, sagte Jessica beherzt, das lange blonde Haar zurückwerfend. Sie hatte sich sehr um ihr Aussehen bemüht, stellte Meredith fest, hatte Make-up aufgelegt und trug zwei oder drei Goldketten. Der kirschrote Pullover stand ihr gut, sogar ihre blassen Wangen waren rosig überhaucht, gerötet von Gefühl und so etwas wie Erregung.

»Oder mit jemand anders, wenn wir schon dabei sind. Ich bin kein Baby und brauche deine Erlaubnis nicht. Ich finde, du bist sehr unhöflich zu Mike. Ich schäme mich für dich, Alwyn. Ich habe gedacht, daß du wenigstens Manieren hast. Benimmst dich wie ein Irrer, und noch dazu hier drin, vor unseren Freunden.« Sie machte kehrt und nahm Michaels Arm.

»Komm, Mike, wir gehen.«

»Warte noch ein bißchen«, sagte Michael und stellte sich – bildlich gesprochen – auf die Hinterbeine.

»Ich möchte es nicht dabei belassen. Wirklich, Alwyn, Sie haben mißverstanden …«

»Komm schon«, sagte sie und wollte ihn wegziehen.

»Wenn er in einer solchen Stimmung ist, ist mit ihm nicht zu reden.« Die beiden verschwanden durch die Tür. Nach einem kurzen, unbehaglichen Schweigen begann man sich in der Bar wieder zu unterhalten, doch noch immer warfen ein paar Gäste neugierige Blicke auf die Gruppe in der Ecke. Der Wirt, der sehr schnell dagewesen war, wechselte einen Blick mit Markby, nickte und zog sich wieder zurück. Alwyn, noch immer mit rotem Gesicht und innerlich kochend, ließ sich auf seinen Stuhl sinken.

»Es wird ihr nichts passieren«, sagte Markby beschwichtigend.

»Er sieht nett und anständig aus.«

»Jess ist nicht wie andere Mädchen«, sagte Alwyn murrend. Meredith sah jetzt, daß er schwitzte. Es war warm im Raum, aber nicht so warm.

»Sie war krank. Vielleicht ist er ja in Ordnung, dieser Junge, aber vielleicht auch nicht, ich weiß es nicht. Aber er versteht nichts von Jess.« Er sah beschämt und bockig zugleich aus. Meredith, die sich den Aufruhr in seinem Innern vorstellen konnte, versuchte zu helfen, und warf ein:

»Wenn sie zusammen studiert haben, kennt er sie schon lange. Ich bin sicher, daß er versteht. Er muß von Jessicas Schwierigkeiten wissen.« Sie wußte nicht, ob Alwyn sie überhaupt gehört hatte. Verlegen rutschte er auf dem Stuhl herum und stand dann schwerfällig auf.

»Ich geh wohl am besten.« Er zögerte, sagte dann leise:

»Tut mir leid, daß ich mich so aufgeführt habe.« Er drängte sich zwischen den anderen Gästen durch und verließ rasch die Bar.

»Er wird ihnen doch nicht nachgegangen sein?« fragte Meredith besorgt.

»Glaub ich nicht. Er bedauert seinen Ausbruch.« Markby griff zu seinem Glas.

»Alwyn hat das Temperament der Rothaarigen. Aber er liebt Jess, und ich denke, sie wird mit ihm schon fertig.«

»Alwyn müßte unbedingt weg von der Farm«, sagte Steve heftig.

»Er ist ein kluger Kerl. Könnte sich etwas anderes suchen.«

»Er versteht doch nur etwas von der Farmarbeit«, sagte Markby zweifelnd.

»Und er ist es gewohnt, an der frischen Luft und sein eigener Herr zu sein.«

»Eigener Herr?« Steve schnaubte geringschätzig.

»Er ist alles andere als das. Er ist an diese verdammte Farm gekettet wie ein Leibeigener im Mittelalter. Du hast ja gehört, er hat nicht einmal mehr die Zeit, beim Dart-Team mitzumachen. Die Farm kommt immer zuerst, und das ist nicht wie in einem Geschäft, das um sechs Uhr abends dichtmacht. Er arbeitet rund um die Uhr, tagein, tagaus, an den Wochenenden und an Feiertagen. Urlaub hat er wahrscheinlich noch nie gemacht. Das ist die Schuld der beiden Alten.«

»Ich glaube, es ist schwierig für sie«, sagte Markby.

»Jamie ist von zu Hause weggegangen, und sie sorgen sich bestimmt, daß auch Alwyn eines Tages geht. Ohne ihn wären sie am Ende.«

»Sie brauchen dir nicht leid zu tun«, wandte Steve ein.

»Oh, ich weiß, der alte Winthrop gilt als bäuerliches Musterbeispiel, und seine Frau ist als Landfrau das Salz der Erde … Aber ich weiß, daß sie bigott, eigensinnig und tyrannisch sind. Kein Wunder, daß das Mädchen so geworden ist, ein Nervenbündel. Um sich gegen die Winthrops zu behaupten, braucht man eine Haut wie ein Nashorn. Ich hoffe, der junge Mann holt Jess von hier weg und heiratet sie. Alwyn sollte es besser wissen und sich nicht einmischen. Aber er verändert sich allmählich, gerät immer mehr dem Alten nach. War immer schnell aufbrausend, doch jetzt wird er mürrisch und grob. So war er früher nicht.« Markby nahm einen Schluck aus seinem Glas und stellte es sorgfältig auf den Tisch zurück.

»Hat das einen besonderen Grund?« Steve zog die Schultern hoch.

»Nun, vielleicht irre ich mich, aber ich denke, es hat etwas mit dem Bau der Wohnanlage zu tun. Ich bin nicht der Meinung, daß er sie so übelnimmt wie du. Im Gegenteil. Hätte er auch nur die geringste Möglichkeit, würde er Greyladies an die Baugesellschaft verkaufen, das Geld nehmen und ein neues Leben anfangen. Aber er weiß, er wird es nie tun können. Er kommt ziemlich oft auf die Baustelle. Ich denke, deshalb hat er sich auch mit Hersey angefreundet. Die Bauarbeiten scheinen Alwyn zu faszinieren. Für ihn muß es sein, als sehe er Zehnpfundnoten beim Wachsen zu. Es ist eine Abwechslung von den Schafen. Manchmal habe ich ein ganz komisches Gefühl, wenn ich ihn in seinen Gummistiefeln dort stehen sehe, seinen Hund an der Seite, während er zuschaut, wie die Mauern wachsen. Hast du als Kind jemals Eisenbahnlokomotiven beobachtet, Alan?« Markby nickte.

»So beobachtet Alwyn die Maurerarbeiten. Kann die Augen nicht losreißen. Armer Teufel.« Steve hob sein Pint an die Lippen, setzte es dann aber wieder ab und rief:

»Hallo, Dudley! Wir sehen Sie nicht oft im Fox and Hounds.« Ein stämmiger Mann, der sich zur Bar durchkämpfte, blieb stehen und sah alle mit einem verlegenen Lächeln an.

»Hallo, Steve – Chief Inspector. Nein, ich trinke nicht oft in Pubs. Aber heut abend gibt es nichts im Fernsehen, und da hab ich zu meiner Frau gesagt, warum gehen wir nicht zur Abwechslung einen trinken?« Er nickte ihnen zu und ging weiter, zu einem längeren Gespräch offenbar nicht bereit.

»Dudley Newman, der Bauunternehmer«, sagte Steve heiser mit gedämpfter Stimme.

»Der reichste Mann von Bamford, wenn ihr mich fragt. Man ertappt ihn selten dabei, daß er sich unter uns gemeines Volk mischt.«

»Wo ist seine Frau?« Meredith schaute sich neugierig um. Steve spähte in die Menge und zuckte mit den Schultern.

»Kann sie nicht sehen. Muß in einem der anderen Räume sein. Will jemand noch einen Drink?«

»Ich muß schon sagen, dieses Pub ist wirklich sehr beliebt«, meinte Meredith, als Steve unterwegs zur Bar war.

»Viel zu sehr«, erwiderte Markby irgendwie geistesabwesend, trommelte mit den Fingern auf die fleckige Tischplatte und starrte ins Leere.

»Ich hab’s lieber ruhiger. Hier komme ich mir vor wie mitten auf einem Marktplatz.« Meredith betrachtete ihn nachdenklich.

»Wissen Sie, ich finde, Steve hat recht, und es wäre am besten, wenn der junge Mann mit Jessica von hier fortginge«, sagte sie viel später, als sie und Markby in Lauras Küche beim Kaffee saßen.

»Ich war erstaunt, daß Alwyn sich so aufgeführt hat«, gestand Markby.

»Besonders weil er mir vor nicht allzulanger Zeit erklärt hat, seine Schwester müßte mehr junge Freunde haben und nicht die Hälfte ihrer Zeit mit der alten Dolly Carmody verbringen.«

»Junge Freunde im allgemeinen sind nicht das gleiche wie ein einzelner junger Mann«, sagte Meredith weise.

»Er ist schon ein ziemlich schwieriger Typ, dieser Alwyn, nicht wahr? Es war ihm nicht einmal recht, daß ich mir die Ruine des Gebetshauses ansehen wollte. Sie scheinen auf dieser Farm niemanden außer der engsten Familie zu dulden. Kein Wunder, daß sie so abweisend und unfreundlich wirkt.«

»Ich bin froh, daß Sie das auch so empfunden haben, hab schon geglaubt, das sei nur eine Einbildung von mir. Nein, Steve hat ganz recht, und das nicht nur im Hinblick auf Jessica. Alwyn müßte auch weg. Er ist unglücklich, und das macht ihn verbittert. Wie Steve gesagt hat, war er nicht immer so. Er war ein fröhlicher Kerl. Wahrscheinlich hat Steve auch mit den Eltern Winthrop recht, auch wenn er ein bißchen schroff war. Die Winthrops sitzen seit Generationen auf Greyladies, und für sie ist es natürlich der Mittelpunkt der Welt.«

Er beobachtete sie, als sie Kaffee einschenkte, und fügte hinzu:

»Es ist seltsam, Sie hier mit Lauras Kaffeetasse in Lauras Sessel sitzen zu sehen.«

»Wie sie wohl in Frankreich zurechtkommen?« fragte Meredith hastig.

»Im Zelt mit vier Kindern? Es muß ein Alptraum sein.«

»Ich bewundere Laura«, sagte Meredith aufrichtig.

»Um mit Karriere, Kindern und einem Haus fertig zu werden, dazu braucht man Kraft.«

»Und Sie glauben nicht, daß Sie’s versuchen möchten?« Seine Augen begegneten den ihren über das Kaffeegeschirr hinweg. Es folgte eine kleine, peinliche Pause.

»Nein, nicht wirklich.« Meredith lächelte schief.

»Ehrlich, Alan, mir muß der häusliche Instinkt fehlen.«

»Es geht nicht nur darum, Hausfrau zu spielen.« Sie antwortete nicht, und er beugte sich über den Tisch und küßte sie ohne Vorwarnung auf den Mund. Verdammt! dachte sie. Das war der Augenblick, von dem sie immer gewußt hatte, daß er kommen würde, und sie war nicht bereit, sich damit auseinanderzusetzen; noch nicht.

»Es ist nicht genug, Alan«, sagte sie zurückweichend.

»Ich mag Sie sehr. Ich würde sogar gern mit Ihnen schlafen. Es wäre sehr schön. Aber ein ganzes gemeinsames Leben zu planen, das muß etwas anderes sein, als nur das Bett miteinander zu teilen.«

»Ich habe gedacht, wir teilen auch noch andere Dinge miteinander.«

»Ja, aber letztlich haben wir unterschiedliche Vorstellungen vom Leben. Ich wäre eine miserable Hausfrau.« Er leerte seine Tasse und nahm seine Schlüssel vom Tisch.

»Wenn ich nur jemanden wollte, der mein Haus in Ordnung hält, hätte ich mir längst jemanden gesucht. Aber vielleicht haben Sie recht. Ich war früher ein lausiger Ehemann, das haben meine Exfrau und ihr Anwalt mir zumindest zu verstehen gegeben, und ich würde wieder genauso lausig sein.« Er stand auf.

»Zeit zu gehen. Morgen früh haben wir Fallbesprechung.«

»Es ist nicht Ihre Schuld, Alan!« protestierte sie heftig.

»Es liegt an mir.«

»Sicher, wir alle sind, was wir sind. Gute Nacht.« Traurig hörte sie, wie er draußen den Wagen anließ und davonfuhr. Sie verabscheute sich selbst, weil sie ihn unglücklich machte, doch etwas vorzutäuschen, endete immer böse. Bei uns ist alles durcheinandergeraten, wie Kraut und Rüben, dachte sie reumütig; bei mir und Alan, Jessica und Alwyn, dem widerlichen Hersey, dem armen Steve Wetherall, dessen Ruf durch einen rätselhaften Mord geschädigt wird … Irgendwie waren diese großen gelben Bagger, die die Landschaft aufrissen, nur ein Symbol für die unaufhörlichen Störungen und Hindernisse in ihrer aller Leben. KAPITEL 13 Auch Jerry Hersey hatte an jenem Abend das Fox and Hounds in zwiespältiger Stimmung verlassen. Nicht, daß er sich je mit der Welt besonders in Frieden fühlte. Das beunruhigte ihn nicht. Er war es gewohnt, mit allen anderen auf Kriegsfuß zu stehen. Obwohl er es heftig abgestritten hätte, hätte es ihm jemand vorgeworfen, die Wahrheit war, daß ihm seine Widerborstigkeit Spaß machte. Das war seine Art, sich zu amüsieren. An diesem Abend jedoch war Hersey griesgrämiger denn je. Etwas war geschehen, das ihn über seine üblichen Mißlichkeiten hinaus aufgebracht hatte, und es nagte an ihm. Mit der Selbstsicherheit eines Mannes, der denselben Weg nachts schon Hunderte von Malen gegangen war, marschierte er, die Hände in den Taschen und vor sich hin summend, den unbeleuchteten Grünstreifen entlang. Die Lichter von Bamford und die vom Fox and Hounds lagen weit hinter ihm, und in dem abgelegenen Cottage, das sein Ziel war, brannte kein Licht. Die Einsamkeit störte ihn nicht, doch ihm war der kühle Wind unangenehm, der zu beiden Seiten über die offenen Felder strich. Er würde es nicht bedauern, endlich im Haus zu sein. Regen kündigte sich an. Er roch ihn im Wind. Aber dem Garten würde er guttun. Der Gedanke an eine warme Küche ließ ihn schneller ausschreiten. Betty würde längst im Bett liegen und die Hintertür nur mit dem Schnappschloß gesichert haben. Sie fürchtete sich nicht vor Eindringlingen. Nicht hier draußen.

»Aber heutzutage darf man keinem mehr trauen, und das ist die Wahrheit«, sagte er grollend vor sich hin.

»Die ganze Bande. Alle verdammt gleich. Und sie sind so fröhlich und so unschuldig, daß sie kein Wässerchen trüben könnten. Ich weiß es besser. Gott, wenn ich nur die Hälfte von dem weitererzählen würden, was ich weiß, was ich gesehn hab … Ein paar Leute hier haben verdammtes Glück!« Er hielt inne, holte aus seinem Gedächtnis eine bruchstückhafte Erinnerung aus dem Sonntagsschulkatechismus hervor.

»Pharisäer!« verkündete er tugendhaft der offenen Landschaft um ihn herum. Zu seiner Überraschung antwortete eine Stimme aus der Finsternis.

»Jerry Hersey? Bist du das?«

»Tod und Teufel!« Hersey spähte in die Dunkelheit.

»Wer ist da?« Gehorsam glitt der Mond hinter einer Wolke hervor, und das silberne Licht beschien kurz die Gestalt bei der Hecke. Hersey knurrte, daß er den anderen erkannt hatte, fragte aber:

»Was tust du denn um diese Nachtzeit hier draußen?« Der andere murmelte eine Antwort.

»Nun, also ich bin auf dem Heimweg, kapier nicht, warum du dich bei der Kälte hier rumtreibst.« Hersey ging weiter, wandte jedoch nichts ein, als der andere sich ihm anschloß. Er schwang sich sogar zu einer grollenden Einladung auf.

»Ich mache mir gewöhnlich eine Tasse Tee, wenn ich nach Hause komme. Betty hört nichts, sie schläft fest. Kannst mitkommen, wenn du willst, ich geb dir ’ne Tasse ab. Ich hab dir ohnehin einiges zu sagen.«

»Oh!« Der andere blieb stehen.

»Was denn zum Beispiel, Jerry?« Hersey spähte in die Dunkelheit, vielleicht weil die leichte Veränderung im Ton des anderen flüchtig einen warnenden Instinkt in ihm geweckt hatte. Doch schwere Wolken verdeckten jetzt den freundlichen Mond, und er konnte verdammt nichts sehen. In den hohen Quecken neben dem Graben raschelte es, was bedeutete, daß dort irgendein Nachttier unterwegs war, und von weither, vom Wind getragen, kam das Rauschen der Autobahn, auf der es nie still wurde. Das Geräusch ließ Hersey an die schwierige Baustelle denken, und die Unzufriedenheit, die in ihm geschwelt hatte, brach aus ihm heraus. Er verdrängte das warnende Gefühl und begann mürrisch:

»Also zuerst mal …«

Am nächsten Morgen brach Meredith früh in die Pfarrei auf, um Pfarrer Holland das Buch zurückzubringen. Obwohl sie schon kurz nach dem Frühstück dort ankam, öffnete ihr niemand auf ihr Klingeln. Noch während sie überlegte, ob sie das Buch durch den Briefschlitz schieben sollte oder ob es schlimm beschädigt werden würde, wenn es hinter der Tür auf den Boden fiel, und schließlich beschloß, es wieder mitzunehmen, hörte sie hinter sich ein Motorrad. Sie drehte sich um und sah einen Yamaha-Fahrer in schwarzem Leder im Freilauf auf sich zukommen. Er hielt an, nahm den Helm ab, und vor sich sah sie das bärtige Gesicht von Pfarrer Holland.

»Guten Morgen, Meredith!« rief er dröhnend.

»Ich bringe Ihnen das Buch zurück.« Sie hielt es in die Höhe.

»Aber weil keiner da war, wollte ich’s wieder mitnehmen.«

»Niemand hier, wie?« sagte der Pfarrer, stieg von seinem Metallroß und fischte seinen Haustürschlüssel aus der Tasche seiner ledernen Motorradjacke.

»Kommen Sie rein, und trinken Sie eine Tasse Kaffee mit mir. Barry sollte längst hier sein und im Garten arbeiten. Im Garten arbeiten!« Der Pfarrer schnaubte.

»Wenn entweder Barry oder der Garten Anzeichen einer Besserung aufwiesen, wäre ich glücklich. Erfolg bei einem wäre besser als gar kein Erfolg. Leider ändert sich bei beiden nichts. Ich habe Ihnen gesagt, man muß ihn beaufsichtigen. Er hat gewußt, daß ich nicht zu Hause bin, weil ich in der Stadt an ihm vorbeifuhr. Er sollte« – Pfarrer Holland betonte das Wort

»sollte« –

»auf dem Weg hierher sein. Der Lümmel winkte mir fröhlich zu und hat, nachdem er mich gesehen hatte, einfach seine Pflichten sausen lassen und ist irgendwohin abgehauen. Hat gedacht, ich würde es nicht merken, wenn er zu spät kommt. Aber ich bin vor ihm wieder hier, und er kann sich auf etwas gefaßt machen, der liebe Barry.« Während Pfarrer Holland sprach, hatten sie das Pfarrhaus betreten und gingen in die Küche. Sie war sehr unordentlich, und auf dem Tisch lag ein Berg Morgenpost.

»Die Putzfrau kommt später«, sagte der Pfarrer, im Küchenschrank mit Tassen klirrend.

»Mögen Sie Pulver-Kaffee? Es geht schneller.«

»Es ist mir egal. Wie nett von Ihnen, mir einen Kaffee anzubieten. Das Buch hat mir übrigens sehr gut gefallen. Bei der alten Ruine habe ich leider nichts Interessantes entdeckt.«

»Das überrascht mich nicht, aber ich hoffe, Sie machen mit Ihren Untersuchungen weiter. Ich freue mich schon darauf, Ihre Abhandlung zu lesen.« Er unterbrach sich und goß kochendes Wasser in zwei Henkelbecher.

»So, das wär’s.« Sie ließen sich am Tisch nieder, und Pfarrer Holland warf der ungeöffneten Post einen finsteren und mißtrauischen Blick zu.

»Die nehme ich mir später vor. Habe nämlich einen schmerzlichen und unangenehmen Besuch hinter mir. Lindsays Mutter – Sie erinnern sich? Ich habe Ihnen von Lindsay erzählt. Sie ist an einer Überdosis gestorben.«

»Ja, ich erinnere mich. Was ist mit ihrer Mutter?« Er seufzte tief auf.

»Sie wird damit nicht fertig. Ihr Mann weiß nicht, was tun. Der Doktor hat ihr Tranquilizer verschrieben. Heut morgen habe ich von dem armen Mann – ich meine den Ehemann – einen Hilferuf bekommen und mußte hin. Es gibt wirklich nichts, was irgend jemand tun könnte, das ist der Jammer. Sie müssen beide damit leben, fürchte ich. Wir alle müssen es.« Dazu gab es nichts zu sagen. Nach einer kurzen Pause begann Pfarrer Holland über Bamford im allgemeinen zu sprechen und fragte Meredith nach ihrer Arbeit im Ausland.

»Schade, daß Sie nicht länger bleiben, Sie hätten vor dem Jugendclub einen Vortrag halten können.«

»Das tu ich gern, wenn ich das nächste Mal hier bin.« Als Meredith kurz darauf ging, kam Barry lässig den Gartenweg entlang.

»Morgen, Herr Pfarrer«, grüßte er unbekümmert.

»Morgen, Schätzchen!«

»Ich geb dir einen guten Morgen, du Wicht!« brüllte Pfarrer Holland.

»Du hättest schon vor einer Stunde hier sein sollen.«

»Hab in der Stadt einen Kumpel getroffen und ein bißchen mit ihm geschwatzt.«

»Füg deinen anderen Sünden nicht auch noch die Sünde der Lüge hinzu. Du hast mich in der Stadt gesehen, angenommen, ich würde den halben Vormittag unterwegs sein, und hast im nächstbesten Pub schnell ein Glas getrunken.«

»Gartenarbeit macht durstig«, sagte Barry unverfroren.

»Aber jetzt fang ich doch lieber an. Muß den alten Rasenmäher reparieren. Sie brauchen einen neuen, Herr Pfarrer.« Er verschwand in einem windschiefen Schuppen und begann anscheinend, mit Sachen um sich zu werfen – jedenfalls hörte es sich so an.

»Wir sollen aus diesem Lärm schließen, daß Barry den Rasenmäher repariert«, sagte Pfarrer Holland.

»Wenn er will, kann Barry nämlich tatsächlich alles mögliche reparieren.«

»Könnte er nicht Mechaniker oder so was Ähnliches lernen?« fragte Meredith.

»Er hat eine Zeitlang in einer Garage gearbeitet, sich aber immer wieder Wagen für Spazierfahrten ›ausgeliehen‹. Barry ist ein Problem.« Pfarrer Holland musterte sein Motorrad.

»Wenn er das auch nur anfaßt, mach ich ihn zur Schnecke.« Die Schuppentür flog auf, und ratternd tauchte der Rasenmäher, von Barry in Richtung der Blumenbeete gelenkt, in einer Wolke von Staub und Grasschnipseln auf. Meredith verließ Pfarrer Holland, während er über den Motorlärm hinweg Warnungen und Anweisungen brüllte. Sie hatte nicht den Eindruck, daß Gartenarbeit und Barry irgendwie zusammenpaßten. Andererseits wiederum paßten jedoch Pfarrer Holland und Barry zusammen.

Als Alan Markby morgens ins Revier kam, stand Pearce, einen Zettel schwenkend, in der Tür seines Büros.

»Guten Morgen, Sir. Eine Mrs. Chivers hat eben angerufen.«

»Wer ist sie? Was will sie, und hat es etwas mit unserem Fall zu tun?« fragte Markby unterwegs zu seinem Schreibtisch.

»Wenn die Antwort auf den letzten Teil der Frage nein ist, dann will ich die Antworten auf die beiden ersten Teile gar nicht wissen. Ich muß zu Superintendent McVeigh, um ihm zu erklären, warum wir keine Fortschritte machen. Nicht einmal den Namen unseres Leichnams kennen wir. Am Kreisverkehr ist alles dicht. Warum ist niemand dort, der den Verkehr regelt?«

»Sie ist die verheiratete Schwester von Jerry Hersey, dem Polier der Baustelle«, sagte Pearce, unberührt von der Bemerkung über das Verkehrschaos. Das ging ihn nichts an. Dies hier schon. Markby, der sich eben setzen wollte, hielt mitten in der Bewegung inne, erstarrte, mit den Händen auf den Armlehnen seines Sessels, und sah seinen Sergeant finster an.

»Sie ist Witwe«, sagte Pearce vergnügt, weil er endlich die Aufmerksamkeit seines Chefs gewonnen hatte.

»Hersey wohnt bei ihr. Sie hat ein Cottage, ungefähr eine Meile entfernt vom Fox and Hounds, in entgegengesetzter Richtung von Bamford. Buchstäblich in der Mitte von nirgendwo.«

»Und?«

»Und Hersey ist letzte Nacht nicht nach Hause gekommen.« Markby ließ sich in den Sessel fallen und schaute verdrießlich vor sich hin.

»Ich habe ihn gestern abend im Fox and Hounds gesehen. Habe mit ihm gesprochen, verdammt.«

»Ja – sie sagt, er ist gestern abend zwischen halb und dreiviertel acht ins Pub aufgebrochen. Sie geht früh zu Bett und schläft sehr fest, daher war sie nicht besorgt, weil er noch nicht zu Hause war, als sie sich zurückzog, und auch nicht, daß sie ihn nicht nach Hause kommen hörte. Doch heute morgen hat sie festgestellt, daß er überhaupt nicht nach Hause gekommen ist, und das hat es noch nie gegeben. Sie macht sich Sorgen.«

»Hat sie sich schon mit der Baustelle in Verbindung gesetzt?«

»Ja, und dort ist er auch nicht erschienen. Sie wundern sich, weil er zwar nicht der beste Polier der Welt ist, aber er kommt jeden Tag pünktlich zur Arbeit.«

»Verdammt«, sagte Markby leise,

»das gefällt mir nicht. Aber ich kann beim besten willen nicht sehen, was das mit unserem Fall zu tun haben könnte, außer daß er zufällig auf der Baustelle arbeitet. Hersey? Vielleicht ist er …« Er unterbrach sich.

»Eine Frau?« schlug Pearce halbherzig vor.

»Nur wenn sie blind, taub und verzweifelt wäre. Nein.«

»Ein Unfall?« Markby seufzte.

»Die Wahrscheinlichkeit ist leider ziemlich hoch. Ich habe ein höchst ungutes Gefühl. Rufen Sie alle hiesigen Krankenhäuser an. Und die in Chipping Norton. Das ist ein bißchen weit hergeholt, aber wir müssen uns vergewissern. Wenn Sie kein Glück haben, gehen Sie zu Mrs. Chivers und ins Pub und versuchen Sie festzustellen, wann Hersey gestern abend gegangen ist und ob er allein war. Oh, und fragen Sie, mit wem man ihn im Lauf des Abends sprechen gesehen hat – außer mit mir und meinen Begleitern, natürlich. Er ist in eine andere Bar des Pubs gegangen, daher habe ich ihn später nicht mehr gesehen.«

»Warum kann er nicht einfach abgehauen sein wie Daley.«

»Warum? Oder wenn ja, warum jetzt erst? Natürlich ist es möglich, daß er irgendwo betrunken rumliegt. Los, los, machen Sie, daß Sie vorankommen. Hier finden Sie ihn ganz bestimmt nicht. Ich habe um elf eine Fallbesprechung und komme schon jetzt zu spät.«

Steve Wetherall erfuhr von Herseys Verschwinden, als er gegen zehn Uhr vormittags auf die Baustelle kam. Der junge Mann, mit dem Meredith gesprochen hatte, telefonierte mit Newman, dem Bauunternehmer, und das Mädchen im blauen Kostüm versorgte ihn mit Tee und moralischer Unterstützung.

Der junge Mann legte den Hörer auf, zog ein Gesicht und informierte Steve kurz über die Situation.

»Verdammter Hersey!« stieß Steve verärgert hervor.

»Das sagen wir alle. Mr. Newman ist nicht sehr glücklich. Er sagt, wenn Hersey auftaucht, sollen wir ihm sagen, daß er gefeuert ist.«

»Sie hätten ihn schon vor Wochen hinauswerfen sollen. Ich habe ihn gestern abend gesehen. Schien mir ganz in Ordnung. War charmant und liebenswürdig wie immer. Er drückt sich nur. Zehn zu eins, daß er irgendwo seinen Rausch ausschläft.« Und damit ging Steve an die Arbeit. Um zwölf Uhr stieg er in den Wagen und fuhr zum Fox and Hounds, um sich zum Lunch eine Fleischpastete mit Chips einzuverleiben. Als er, Patch an der Seite, das Pub betrat, kam Sergeant Pearce gerade heraus.

»Habt ihr ihn gefunden?« fragte Steve direkt.

»Nein«, sagte Pearce.

»Und es hat keinen Sinn, Sie zu fragen, ob er auf der Baustelle aufgetaucht ist, nehme ich an. Sie haben ihn gestern abend gesehen, oder, Sir?«

»Ja, ich war mit Ihrem Boß und noch ein paar anderen da. Ich habe ihn nicht weggehen sehen.«

»Sind Sie sicher? Die Bedienung sagt, sie glaubt, daß er zwischen halb zehn und zehn gegangen ist. Als der Wirt die Sperrstunde ansagte, war er ganz bestimmt nicht mehr da. Das Mädchen denkt, sie hat ihm um halb neun ein Bier verkauft, aber später nichts mehr. Unglücklicherweise hatten sie sehr viel zu tun.« Steve schüttelte den Kopf.

»Nein, ich habe ihn ganz bestimmt nicht mehr gesehen, nachdem er unseren Tisch verlassen hatte. Ich wollte ihn nicht sehen. Er gehört nicht gerade zu meinen Lieblingspersonen.«

»Haben Sie gesehen, ob er jemanden gegrüßt hat, Sir?«

»Außer den Leuten, mit denen ich zusammengesessen habe, nein. Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen.«

»Trotzdem vielen Dank«, sagte Pearce. – Nachdem Steve gegessen hatte, stand er, die Hände in den Taschen, vor dem Fox and Hounds und dachte, wenn auch widerwillig, an Hersey. Hersey, der seiner Arbeit unerlaubt fernblieb, war ein Ärgernis. Ohne den Polier würden sie noch mehr Probleme haben, und einen Ersatz zu finden, den neuen Mann einzuarbeiten, sich mit Hersey auseinanderzusetzen, wenn er wieder auftauchte – all das warf Schatten auf eine bereits düstere Zukunft. Steve begann seinen Job zu verabscheuen. Daß er ursprünglich so große Hoffnungen hineingesetzt hatte, machte alles nur noch schlimmer. Die ganze Wohnanlage schien wirklich verhext. Zu seinen Füßen jaulte Patch ungeduldig.

»Na schön«, sagte sein Herrchen, nahm ein Stöckchen und warf es quer über den Parkplatz. Patch rannte dem Stöckchen nach, nahm es auf und lief damit weiter. Steve folgte ihm. Das war ihr übliches Training. Sie gingen ein Stück den Grünstreifen entlang, damit Patch den Straßengraben erkunden und sich ein bißchen austoben konnte. Steve wurde dabei wieder ein paar Kalorien von der Fleischpastete los. Dieses Straßenstück war sehr ruhig. Der meiste Verkehr spielte sich jetzt auf der neuen Straße ab. Es war wieder ein schöner Frühlingstag, und Steve begann sich wohler zu fühlen. Das Fox and Hounds war hinter der Kurve außer Sicht, und vor sich sah er nur, aber noch sehr weit entfernt, ein Cottage. Patch hatte sein Stöckchen fallen lassen, das ihm langweilig geworden war, und bellte und knurrte etwas viel Interessanteres im Graben an.

»Laß sein!« rief Steve automatisch. In ein Grasbüschel eingegraben, zog Patch sich ein paar Schritte zurück. Er trug etwas in der Schnauze, das er stolz seinem Herrchen präsentierte. Was es auch war, es glitzerte in der Sonne.

»Was hast du denn da?« Steve bückte sich und streckte die Hand aus. Patch ließ seinen Fund fallen und wedelte mit dem Stummelschwänzchen. Sein Fund war eine zerbrochene Hornbrille.

»O Gott!« stieß Steve hervor.

»Die gehört Hersey!« Zögernd hob er die Brille auf und sah sich um. Hersey trug seine Brille immer. Sie konnte ihm nicht einfach heruntergefallen sein, ohne daß er es bemerkt hätte. Widerstrebend schaute Steve zu der Stelle im Graben, an der Patch geknurrt und herumgestöbert hatte. Steve schluckte und ging darauf zu. Patch lief vor ihm her, begeistert, weil sein Herrchen sich ansehen wollte, was er gefunden hatte. Seitlich der flachen Rinne blieb er stehen und bellte schrill. Steve faßte ihn am Halsband und zog ihn zurück. Er kniete zwischen hohem Gras und Disteln nieder, schob sie auseinander, ohne darauf zu achten, daß er sich die Hände zerstach, und schaute in den Graben. Umrahmt von einem Kranz aus dunkelgrüner Quecke, starrten Jerry Herseys blicklose Augen ihn an. Eine schwielige Arbeiterhand lag auf seinem Herzen, als habe er im Tod einen makabren Eid geleistet. Über die Hand lief eine ganze Prozession fleißiger kleiner Ameisen. Steve fuhr herum und wich vor dem entsetzlichen Anblick zurück. Er stolperte den Grünstreifen entlang, rannte zum Fox and Hounds zurück, außer sich, wie ein Mann in einem Alptraum, der nicht schnell genug laufen kann, um dem zu entkommen, das ihn verfolgt, was immer es ist. Das Blut hämmerte ihm in den Ohren, und er glaubte, sich übergeben zu müssen. Die Hecken um ihn herum strotzten von neuem Leben, doch er war sich nur des Lebensendes bewußt. Auf dem Parkplatz sah er sich nach Pearce’ Wagen um, aber der Sergeant war nicht mehr da. Steve riß die Tür seines Wagens auf und versuchte Markby über sein Autotelefon zu erreichen, aber man sagte ihm, der Chief Inspector sei in einer Konferenz. Also erzählte er seine Geschichte stockend und unzusammenhängend dem Diensthabenden, und als Pearce mittendrin zurückkam, schilderte er ihm alles noch einmal, schon ein bißchen zusammenhängender. Dann stieg er aus und nahm Patch auf, der ihm zu Füßen winselte, setzte ihn in den Wagen und warf die Tür zu. Jetzt konnte er sich gegen die Übelkeit nicht mehr wehren und entledigte sich seiner Fleischpastete. Dann ging er unglücklich zum Graben zurück und wartete zitternd neben Herseys Leiche auf die Polizei. KAPITEL 14 Als Markby zum Kreisverkehr kam, bewegte der Verkehr sich zwar wieder vorwärts, aber noch immer nur im Schneckentempo. Das lag an den Straßenarbeitern, die ohne jeden ersichtlichen Grund die eine Straßenseite aufrissen, so daß nur eine Fahrbahn zur Verfügung stand. Geregelt wurde der Verkehr von einem Arbeiter in gelber Jacke mit einem

»Halten/Fahren«-Schild, das aussah wie ein überdimensionaler Dauerlutscher; der Mann bildete ein desinteressiertes Duo mit einem seiner Kollegen, der am anderen Ende der kurzen Strecke stand. Als Markby den Dauerlutscher erreichte, schaltete der auf

»Stop«. Gehorsam hielt er an, legte den Ellenbogen auf das offene Wagenfenster und dachte, während er wartete, über das nach, was er von Pearce erfahren hatte. Daß Hersey einfach verschwand, war unwahrscheinlich. Er war kein umherziehender Arbeiter wie der wurzellose Daley, der von Baustelle zu Baustelle wanderte. Daley hatte beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten die Fliege gemacht, und obwohl sie noch immer nach ihm suchten, war es nicht überraschend, daß er sich versteckt hielt. Hersey andererseits war hier zu Hause und wohnte bei seiner Schwester in der Nähe der Baustelle. Vielleicht hatte er seinen Job als Polier bekommen, weil er einen festen Wohnsitz hatte und sich in der Gegend auskannte. Warum hätte der Bauunternehmer ihn sonst einstellen sollen, so unangenehm und unkooperativ, wie er war. Hersey wußte über den Hausbau vermutlich alles, was es zu wissen gab. Markby schätzte ihn auf ungefähr vierzig und hielt ihn für einen Mann, der sein Leben lang am Bau gearbeitet hatte. Jemand wie er verfügte ausschließlich über einheimische Kontakte, hatte festgefahrene Gewohnheiten und würde sich deshalb kaum heimlich davonmachen – es sei denn, er hätte einen zwingenden Grund dazu. In diesem Fall, überlegte Markby, muß ein solcher Grund gestern am späten Abend aufgetaucht sein. Bis dahin, und dazu gehörte auch Herseys unfreundliche Begrüßung im Pub, war der Polier genauso ungesellig gewesen wie sonst, und nichts hatte darauf hingewiesen, daß er drauf und dran war, abzuhauen. Markbys Gedanken wandten sich seinem anderen und jetzt dringenderen Problem zu – dem Problem der noch immer nicht identifizierten Leiche und den mangelnden Fortschritten in diesem Fall, über den er bald dem Superintendent Bericht erstatten mußte. Die Plakataktion hatte bisher nichts erbracht. Aber wer hatte in den Haupthäfen Zeit, ein Gesicht zu bemerken? Natürlich gab es noch den Bahnsteig in London, wo der Mann den Zug bestiegen hatte. Bisher hatte er aber von der Metropolitan Police nichts gehört. Aber was bedeutete dort schon eine vermißte Person? Und dazu noch eine, die irgendwo auf dem Land vermißt wurde, weit außerhalb ihres Interessenbereichs. Ungeduldig schaute er auf die Uhr. Wie bestellt drehte sich der Dauerlutscher auf

»Fahren«. Doch die Euphorie war kurzlebig. Obwohl er das Hindernis hinter sich hatte, begann der Verkehr wieder zu kriechen. Markby hatte sich, als er losfuhr, viel Spielraum gelassen, würde aber trotzdem zu spät kommen, wenn es so weiterging. Er schaltete das Radio ein und wurde mit einer Verkehrsmeldung belohnt, die vor Stockungen auf diesem Straßenabschnitt warnte und den Autofahrern riet, auf eine andere Route auszuweichen. Tatsächlich gab es nur eine Viertelmeile weiter eine Abzweigung, und wenn er die nahm – normalerweise eine längere Strecke, die über Land führte –, wäre er vielleicht schneller am Ziel. Der Verkehr rückte wieder Meter für Meter vorwärts. Er mußte sich entschließen. Er entschied sich für den Umweg, und als er die Abzweigung erreichte, verließ er die verstopfte Hauptstraße und fuhr dankbar zwischen Feldern und Wiesen weiter. Überraschend wenige Autofahrer waren seinem Beispiel gefolgt. Vielleicht wußten sie nicht, daß es diese Umgehung gab. Sie bot nicht nur eine freie Fahrbahn, sondern auch Aussichten wie die auf einen Sperber, der sich wie ein Stein fallen ließ, um sich, nur ein paar Meter entfernt, vom Grünstreifen ein kleines Beutetier zu holen; man bekam auch Pferde zu sehen, die in einer Koppel fröhlich umhertrabten, und ein herrliches langes Feld gelber Narzissen, die für Ostern gezogen wurden. Die Versuchung, anzuhalten und sich alles genau anzusehen, war groß, doch er widerstand ihr. Seine Entscheidung und seine Entschlossenheit machten sich bezahlt. Er erreichte sein Ziel drei Minuten vor der verabredeten Zeit und mit der absoluten Gewißheit, daß er, wenn er in der Schlange geblieben wäre, noch irgendwo auf der Hauptstraße festsäße. Als er das Gebäude betrat, schlug eine nahe Kirchturmuhr elf; noch war seine Freude darüber, daß er es rechtzeitig geschafft hatte, ungetrübt, noch ahnte er nicht, daß ihn an diesem ereignisreichen Vormittag eine Reihe von bösen Überraschungen erwartete.

»Ah, Markby, setzen Sie sich doch«, forderte Superintendent McVeigh ihn mit täuschender Liebenswürdigkeit auf.

»Der Verkehr nicht allzu schlimm? Sie sind ja unglaublich pünktlich.«

»Tatsächlich geht auf der Hauptstraße nichts mehr«, sagte Markby.

»Ich bin auf die Landstraße ausgewichen.«

»Die Straßenarbeiten, nehme ich an«, sagte McVeigh.

»Eigentlich sollten sie schon fertig sein. Aber das ist weder meine noch Ihre Sorge.« Markby wandte nicht ein, daß es sehr wohl seine Sorge war, wenn er die bewußte Route nehmen mußte, um den Termin mit McVeigh einzuhalten. Er ließ sich auf dem angebotenen Stuhl nieder und stürzte sich ohne lange Vorrede auf das Thema, das ihn hergeführt hatte.

»Seit heute morgen besteht die entfernte Möglichkeit einer neuen Entwicklung im Baustellenmord, Sir. Sie steht noch nicht in den Akten, weil sie sich eben erst ergeben hat. Wahrscheinlich hat sie ohnehin mit dem Fall überhaupt nichts zu tun.« Kurz schilderte er die Umstände von Herseys Verschwinden.

»Es gibt aber noch keinen Grund, ein Verbrechen zu vermuten. Doch Hersey scheint feste Gewohnheiten zu haben, und seine Schwester macht sich Sorgen. Andererseits ist natürlich alles interessant, was mit der Baustelle zu tun hat. Hersey wird zweifellos wieder auftauchen. Ich wüßte jedoch gern, wo er ist und was er macht.«

»Das ist gewiß merkwürdig«, sagte McVeigh und rutschte ein wenig unbehaglich in seinem Sessel herum. Er war ein großer Mann, nicht fett, aber kräftig und maß in Schuhen, Größe siebenundvierzig, über einen Meter neunzig. Er klagte häufig, die Sessel seien nicht groß genug, zumindest seien es die Sessel nicht, die man ihm zur Verfügung stelle.

»Hersey – Ihrer Meinung nach ein unangenehmer Kerl, nicht wahr? Unkooperativ.«

»Sehr, doch das finden auch andere.«

»Mhm. Halten Sie es im Licht dieses scheinbaren Verschwindens für möglich – und bisher haben wir keinen Anlaß anzunehmen, daß es nicht freiwillig erfolgte –, daß er vielleicht Beweise zurückhält?«

»Ich bin fast überzeugt, daß Hersey mehr weiß, als er sagt. Ich habe keinen Beweis dafür, es ist nur ein Gefühl. Wenn es so ist, wird er uns aus reiner Bosheit nichts sagen. Doch wieder kann ich nicht beschwören, daß er etwas Relevantes weiß oder daß er, wenn er es weiß, auch weiß, daß er es weiß. Wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Ich verstehe Sie sehr gut. Würden Sie sagen, daß er nicht sehr intelligent ist?«

»Im Gegenteil, innerhalb der Grenzen seiner Welt ist er durchaus intelligent. Vielleicht sogar eher gerissen als intelligent, aber er hat eine gute Beobachtungsgabe und ein gutes Gedächtnis. Doch er ist stur wie ein Ochse, wie man auf dem Land sagt.«

»Wie steht es mit seiner Ehrlichkeit?«

»Er ist ehrlich genug, auf seine Art, aber seine Art mag weder die Ihre noch die meine sein. Ich halte ihn keines schweren Verbrechens für fähig, und er würde immer in eigenem Interesse handeln. Bei kleineren Diebstählen drückt er vielleicht ein Auge zu, wenn es sich für ihn lohnt. Aber da man ihm auf der Baustelle vermutlich die Schuld geben würde, wenn die Diebereien nicht aufhören, würde er wohl einschreiten. Das meine ich, wenn ich sage, ehrlich in seinem eigenen Interesse.« McVeigh setzte sich wieder anders zurecht und murmelte etwas wenig Schmeichelhaftes über den Mann, der die Büromöbel entworfen hatte.

»Und Sie haben gestern abend noch selbst mit ihm gesprochen?«

»Ja, aber danach habe ich ihn nicht mehr gesehen. Pearce ist jetzt unterwegs, um Herseys Spuren zu folgen.«

»Nun, dann lassen wir das für den Augenblick.« McVeighs massige Hand griff nach einem Ordner, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

»Alles wird warten müssen, weil es etwas anderes gibt. Ich habe eine Nachricht, die für Sie so etwas wie ein Durchbruch sein könnte. Aber ich weiß nicht, wie Sie es aufnehmen werden.«

»So?« Mißtrauisch beäugte Markby den Ordner. Ein Sonnenstrahl fiel durchs Fenster und irrlichterte darauf herum. Sie brauchten dringend einen Durchbruch, aber wenn McVeigh so auf schüchtern machte, hieß das, daß etwas Unangenehmes damit zusammenhing. Und das konnte er ganz und gar nicht brauchen.

»Sehen Sie sich das an«, sagte McVeigh und klappte den Ordner endlich auf. Er reichte Markby eine Fotografie über den Schreibtisch. Markby nahm und betrachtete sie.

»He!« rief er.

»Das ist der Tote! Ich meine, das ist er, als er noch am Leben war.«

»Ja, das stimmt. Sieht ein bißchen anders aus, wie?«

»Würde ich auch sagen«, entgegnete Markby leise. Wäre er in diesen Dingen unerfahren gewesen, hätte er den Mann auf dem Foto vermutlich nicht identifiziert. Das Gesicht war voller, er sah gutgelaunt aus, der Mund war zu einem Lächeln verzogen, und er hatte Lachfältchen in den Augenwinkeln. Ein lebendiger Mensch, keine Totenmaske. Hätte er dieses Foto zum Herumzeigen gehabt … Dann meldete sich das Mißtrauen. Er blickte auf.

»Woher haben Sie das?«

»Aus Frankreich. Ihre Vermutung, daß er Ausländer war, hat sich bezahlt gemacht. Er ist – war Franzose.« Markby schossen gleichzeitig zwei Fragen durch den Kopf, und in dem Bemühen, beide auf einmal loszuwerden, verhaspelte er sich.

»Warum habe ich nicht – Sie meinen, er war ein Krimineller? Ich habe nicht – wo haben Sie das erfahren?« schloß er ungehalten.

»Warten Sie, ich erkläre es Ihnen«, sagte McVeigh beschwichtigend und wedelte mit seiner Pranke.

»Nein, er war kein Krimineller. Er war Polizeibeamter.«

»Was?« Es riß Markby fast aus dem Sessel.

»Und als Antwort auf die andere Frage, die Sie, wie ich glaube, stellen wollten: Der Grund, warum die Antwort auf ihre Anfrage zuerst zu mir und nicht direkt zu Ihnen kam, ist der, daß er ein verdeckt arbeitender Drogenfahnder war. Und verdeckt bedeutet genau das. Niemand weiß etwas.«

»Man hätte es uns mitteilen müssen«, sagte Markby wütend.

»Wenn wir Bescheid gewußt hätten, hätten wir ihn vielleicht schützen können. Vielleicht wäre er noch am Leben. Oder wenn er tot wäre, hätten wir wenigstens den richtigen Leuten Bescheid sagen können. Auf jeden Fall hätten wir gewußt, wer er war, und nicht mehr als eine Woche damit vergeudet, uns im Kreis zu drehen.«

»Ich gebe zu«, sagte McVeigh widerstrebend,

»es hat zwischen den Abteilungen ein Defizit an Kommunikation, um nicht zu sagen, zuviel Verwirrung gegeben. Es scheint, daß es höheren Orts deshalb zu einer kleinen Unstimmigkeit gekommen ist, und die Franzosen sind sehr verärgert – wenn Ihnen das ein Trost ist. Sie haben einen ihrer besten Männer verloren und sind mit heftigen Beschuldigungen sehr schnell bei der Hand. Aber frei heraus gesagt, betrifft Sie das nicht. Das ist Politik, wenn Sie so wollen. Ihre Aufgabe ist es, seinen Mörder zu finden.«

»Ohne eine der hilfreichen Informationen, über die sie alle verfügen«, fauchte Markby zornig. Es klopfte an der Tür.

»Ah, das könnte die Hilfe sein, die Sie brauchen.« Das klang nicht so, als sei McVeigh selbst sehr überzeugt von dem, was er sagte. Der Mann, der, energische Zuversicht ausstrahlend, hereinmarschierte, hatte einen schicken Maßanzug an, der die Wirkung des blassen, kompromißlosen Gesichts und des streng autoritären Gehabes unterstrich, das er zur Schau trug.

»Das ist Detective Chief Inspector Laxton von Scotland Yard, von den Drogenjungs«, sagte McVeigh mit der entschlossenen Herzlichkeit einer Gastgeberin, die ihre sich vorzeitig auflösende Party retten möchte.

»Er ist von jetzt an auch mit dem Fall befaßt. Sie werden mit ihm zusammen arbeiten.«

»Bis zu einem gewissen Punkt«, sagte Laxton und streckte Markby die Hand entgegen, der sie nicht sehr begeistert nahm.

»Stimmt«, sagte McVeigh gereizt.

»Laxton wird sich um die Drogen kümmern, denen der Franzose vermutlich auf der Spur war, und Sie leiten die Morduntersuchung. Das wird sich natürlich überschneiden.« Markby schaffte es gerade noch, nicht zu sagen, das sei alles, was er brauche. Er fragte sich, ob McVeigh je das Sprichwort von den zu vielen Köchen gehört hatte. Aber McVeigh war nicht schuld. Eine Leiche in seinem Bezirk war Markbys Sache, doch die Drogenfährte, die der Franzose verfolgt hatte, fiel in Laxtons Zuständigkeitsbereich. Aber es war vorauszusehen, daß der gesamte Ruhm nur einem zufallen würde, wenn der Fall aufgeklärt wurde; nicht aber der Tadel, wenn es nicht gelang. Ein Fehlschlag würde nach wie vor der Untüchtigkeit der einheimischen Polizei zugeschrieben werden. Hatten sie Erfolg, würde Laxton nach Hause fahren und mit stolzgeschwellter Brust verkünden, er habe ihnen auf die Sprünge geholfen. Blieben sie erfolglos, würde er in seine Dienststelle zurückkehren, wehmütig den Kopf schütteln und spitze Bemerkungen über Landpolizisten loslassen.

»Vielleicht können Sie also für Laxton einen Schreibtisch finden, an dem er arbeiten kann, und geben Sie ihm Einsicht in Ihre Akten.«

»Aber gewiß doch«, sagte Markby grimmig.

»Und bekomme ich auch seine Akten zu sehen?«

»Sie können alles sehen, was Sie wissen müssen«, sagte Laxton.

»Ich habe es für Sie zusammengestellt«, sagte McVeigh hastig und reichte ihm den dünnen Ordner vom Schreibtisch. Nachdem Laxton als erster den Raum verlassen hatte, flüsterte der Superintendent Markby zu:

»Tut mir leid, Alan, aber das liegt nicht mehr in meiner Hand.«

Bamford hatte ein kleines Polizeirevier, und es stand von Anfang an fest, daß der Schreibtisch, den Laxton benutzen sollte, in Markbys eigenes nicht allzu geräumiges Büro hineingequetscht werden mußte.

»Dann lassen Sie mal sehen, was Sie über den Fall haben«,

sagte Laxton vergnügt. Er war offensichtlich keine empfindsame Seele. Die engstehenden Augen in seinem blassen Gesicht waren ständig in Bewegung, ihnen entging nichts. Er hatte kurzgeschorene Haare und lange, blasse Hände. Er erinnerte Markby an einen Croupier in einem zwielichtigen Spielclub. Markby reichte ihm seine Akte über den Toten und zog sich hinter seinen Schreibtisch zurück, um zu lesen, was McVeigh ihm gegeben hatte.

Er brauchte nicht lange, weil der Ordner nicht viel enthielt. Das Foto. Eine kurze Aufzählung der Personalien des Franzosen. Sein Name war Maurice Rochet. Als er starb, war er zweiunddreißig Jahre alt und unverheiratet; er kam aus Pas de Calais. Er hatte fließend Englisch gesprochen und schon häufiger im Ausland ähnliche Fälle bearbeitet. Diesmal war er einer Schiffsladung Heroin auf der Spur gewesen, die, wie man glaubte, an der Südküste von einer Privatjacht angelandet worden war. Man hatte sie bis London verfolgt, wo sie, das vermutete man jedenfalls, geteilt und neu verpackt worden war. Eine Razzia in dem verdächtigen Lagerhaus kam geringfügig zu spät. Die Sendungen waren schon in verschiedene Richtungen hinausgegangen, und diejenigen, die Rochet verfolgt hatte, waren bereits in den South Midlands eingetroffen. Rochet war ihnen stehenden Fußes gefolgt. Das Drogendezernat der Metropolitan Police, das zweifellos noch unter der stümperhaft durchgeführten Lagerhausrazzia litt, war durch den Verlust des französischen Beamten in noch größere Verlegenheit geraten. Kein Wunder, daß sie Laxton geschickt hatten, der entweder die verlorengegangenen Drogen herbeischaffen oder, wenn ihm das nicht gelang, zumindest für eine gewisse Schadensbegrenzung sorgen sollte. Wenn nötig, dachte Markby grimmig, auf Kosten der einheimischen Polizei, wenn auch dieser unfreundliche Gedanke nicht ausgesprochen werden durfte und böser Verdacht bleiben mußte. Ihm war bewußt, daß er sehr unwillig reagierte, weil man ihm jemanden aufgezwungen hatte, und daß er sich vorsehen mußte, um das Verhältnis zu dem neuen Kollegen nicht von vornherein zu verderben. Laxton gehörte nicht zu den Leuten, die auf Anhieb sympathisch wirkten, und er schien auch kein Mensch zu sein, der sich einer Situation mit dem erforderlichen Takt näherte. Dickhäutig, dachte Markby verdrießlich, und scharfsinnig. Die übelste Kombination, die man sich vorstellen kann. Aber Scotland Yard hielt ihn für einen guten Mann und für hervorragend geeignet, abgestellt zu werden. Hätte Markby vor der Aufgabe gestanden, hätte er vermutlich auch Laxton geschickt.

»Haben Sie Rochet gekannt?« fragte er.

»Persönlich? Nein. Ich hatte von ihm gehört. Angeblich ein kluger Kopf. Arbeitete gern allein. Er war in die Peripherie der Gang eingedrungen, doch wie es scheint, haben sie es am Ende doch spitzgekriegt.«

»Aber er muß doch jemandem Bericht erstattet haben. Wurde er nicht vermißt?«

»Bei einem solchen Job kommt es schon vor, daß man sich eine ziemlich lange Zeit nicht meldet. Jeder Bericht wird zum Risiko. Vielleicht wußte er, daß er beobachtet wurde. Nach dem, was Sie hier haben« – Laxton tippte auf den Ordner, der vor ihm lag –,

»war er wahrscheinlich der Mann, den die alte Dame in der Donnerstagnacht im Hof ihrer Farm ertappte. Haben Sie diese Farm durchsucht?«

»Witchett? Wir haben uns umgesehen. Aber nur, weil sie uns gerufen hatte. Da wir jetzt wissen, was wir suchen, werden wir es gründlicher tun. Doch diesmal werde ich einen Durchsuchungsbefehl beantragen müssen.«

»Man wird die Ware inzwischen weggebracht haben«, sagte Laxton vorwurfsvoll.

»Falls sie jemals dort war«, fauchte Markby.

»Außerdem ist die Sache heiß, seit Rochets Leiche gefunden wurde, und sie haben es möglicherweise nicht gewagt, das Zeug wegzuschaffen.«

»Vielleicht sollten Sie einen Drogenhund einsetzen«, sagte Laxton. Draußen wurde Pearce’ Stimme laut, und Markby, der nicht wußte, was er auf die letzte Bemerkung antworten sollte, seufzte erleichtert.

»Hier kommt mein Sergeant. Er sucht eine vermißte Person. Einen gewissen Jerry Hersey, Sie werden seinen Namen in den Akten finden.«

»O ja.« Laxtons lange, dünne Finger blätterten in den Seiten.

»Polier auf der Baustelle, wo Rochets Leiche gefunden wurde. Irgendeine andere Verbindung?« Pearce erschien in der Tür, sein Gesicht war gerötet, und offensichtlich brachte er eine wichtige Neuigkeit mit. Als er Laxton erblickte, blieb er mit zum Sprechen halb geöffnetem Mund wie angewurzelt stehen.

»Detective Chief Inspector Laxton, Scotland Yard, Drogendezernat«, sagte Markby ausdruckslos.

»Er arbeitet jetzt auch an dem Fall, also lassen Sie hören, was immer es ist.«

»Nun gut«, sagte Pearce und beäugte Laxton nervös,

»sie – eh – haben Hersey gefunden.«

»Gut«, sagte Markby, sofort besserer Laune.

»Wenigstens diese Sache ist abgehakt.«

»Nun, nicht so richtig«, sagte Pearce vorsichtig.

»Ich glaube, es wird Ihnen nicht gefallen, Sir.« KAPITEL 15 Die Hände in den Taschen, das blonde Haar vom Wind zerzaust, stand Markby auf dem Grünstreifen und sah zu, wie die übliche Routine ablief. Der Leichenwagen stand direkt hinter einem geparkten Polizeiauto. Die unmittelbare Umgebung war abgesperrt und Leitkegel aufgestellt worden, so daß die Straße nur einspurig befahrbar war. Unten im Graben war Fuller zu sehen, der sich zweifellos freute, wieder einen der

»Gummistiefel-Jobs« bekommen zu haben, die er so interessant fand. Laxton, in Straßenanzug und leichten Straßenschuhen, beobachtete wie benommen über eine Hecke hinweg ein paar Schafe. Er sah absolut und völlig fehl am Platz aus. Seiner Miene nach zu schließen, hatte er das Gefühl, unter die schlimmsten Hinterwäldler geraten zu sein, die noch lebten wie im finstersten Mittelalter. Eines der Schafe, die er betrachtete, starrte zurück und blökte laut. Laxton suchte in seinen Taschen nach einer Zigarette und wanderte dann mürrisch den Grünstreifen entlang. Fuller kletterte aus dem Graben und verkündete fröhlich:

»Nach der ersten Untersuchung würde ich sagen, Genickbruch durch einen heftigen, gutgezielten Schlag von jemandem, der hinter ihm stand. Allgemein bekannt als Genickschlag.«

»Danke«, sagte Markby tonlos.

»Können wir ihn jetzt mitnehmen? Ihr Fotograf hat seine Bilder im Kasten. Je früher ich ihn auf den Tisch bekomme, um so früher kann ich Ihnen Einzelheiten mitteilen.«

»Aber gewiß, bedienen Sie sich«, sagte Markby verärgert. Er sah zu, wie Herseys Leichnam in den Leichenwagen geschoben wurde. Pearce stellte sich mit Verschwörermiene neben ihn und sagte leise:

»Mr. Wetherall nimmt es sehr schwer.« Markby schaute in die andere Richtung, wo der Architekt wie ein Häufchen Elend, den Kopf in die Hände gestützt, auf der Böschung saß.

»Ich rede mit ihm. Sie bleiben hier und gehen mit Mr. Laxton, wenn er Sie braucht. Wenn wir den Haussuchungsbefehl durchkriegen, wird er die Witchett Farm durchsuchen wollen, und mir wäre es lieb, wenn Sie mit ihm gingen. Die alte Dolly kennt Sie. Ich kümmere mich um die Sache hier.« Er ging zu Steve, bückte sich und berührte seine Schulter.

»Alles in Ordnung?«

»Nein«, sagte Steve und blickte wie gehetzt auf.

»Es geht mir verdammt schlecht. Das ist jetzt das zweite Mal in nicht ganz zwei Wochen, daß mir das passiert. Dir macht es wahrscheinlich nichts aus, du kennst es ja. Aber ich bin es nicht gewöhnt, daß mir ständig Leichen gewissermaßen vor die Füße fallen.«

»Gewöhnt bin ich es auch nicht«, sagte Markby mild.

»An Mord gewöhnt man sich nie. Warum gehen wir nicht ins Fox and Hounds und reden dort?« Wetherall stand auf und trottete, Markby hinter sich, unglücklich in Richtung des Pubs. Auf dem Parkplatz sah Patch, der noch im Auto eingesperrt war, sie kommen und begann laut bellend wie verrückt auf dem Rücksitz hin- und herzuspringen, sichtlich empört, weil er nicht dabeisein durfte. Markby setzte Steve auf eine Holzbank und ging nachsehen, ob er einen Whisky bekommen konnte, obwohl das Pub am Nachmittag theoretisch geschlossen hatte. Er hatte Erfolg.

»Hier hast du«, sagte er, als er zurückkam.

»Das wird dir helfen.«

»Ich hab den Mann nicht gemocht«, sagte Wetherall heftig.

»Aber daß er stirbt, wollte ich nicht.« Er nahm das Glas und fügte düster hinzu:

»Prost.«

»Natürlich wolltest du das nicht.«

»Es war Fahrerflucht, nicht wahr?«

»Wieso kommst du denn darauf?«

»Es muß Fahrerflucht gewesen sein.« Streitsüchtig streckte Steve das Kinn vor.

»Was sonst? Das Straßenstück ist unbeleuchtet. Es war spät abends. Wahrscheinlich hat der Fahrer nicht einmal gemerkt, daß er jemanden umgefahren hat.«

»Keine Schleuderspur auf der Fahrbahn, keine entsprechenden Prellungen oder Blutergüsse am Körper. Tut mir leid, aber ich denke, einen Zusammenstoß zwischen Fußgänger und Auto können wir ausschließen. Jemand scheint Hersey sehr effizient den Hals gebrochen zu haben.«

»Gut, dann war es eben ein Straßenräuber«, sagte Steve trotzig.

»Da draußen? Auf einer Landstraße? Er hätte die ganze Nacht warten können, ohne einem Opfer zu begegnen. Außerdem hat Hersey gestern nicht mit Geld um sich geworfen, wie die Bedienung ausgesagt hat. Hersey war anscheinend sehr sparsam, hat nie jemanden zu einem Drink eingeladen. Abgesehen davon läßt ein gebrochenes Genick auch nicht auf Straßenräuber schließen. Tut mir leid, auch das kommt nicht in Frage.«

»Dann sprichst du von einem zweiten verdammten Mord!« schrie Steve.

»Wer in aller Welt sollte Jerry Hersey umbringen wollen?«

»Nach allem, was ich über ihn weiß, praktisch jeder, der mit ihm zu tun hatte«, sagte Markby trocken. Es folgte ein langes, bedeutungsschweres Schweigen.

»Na schön«, sagte Steve ruhig.

»Ich habe ihn verabscheut. Gestern abend habe ich vor Meredith sogar einen sehr schlimmen und geschmacklosen Witz gemacht. Ich habe gesagt, wenn es mir früher eingefallen wäre, hätte ich Hersey eins auf den Schädel gegeben und ihn in Beton gegossen. Aber ich hab’s nicht ernst gemeint. Das heißt, ich hätte es nicht getan. Und ich habe es auch nicht getan.«

»Ich unterstelle doch nicht, daß du es getan hast.« Steve griff zum Whisky und trank ausgiebig.

»Hör zu, Alan, ich bin sicher, du hast auch so alles getan, aber ich wünschte mir, daß du die Sache aufklärst. Auf der Baustelle wird die Hölle los sein, sobald das bekannt wird. Die Arbeiter werden geschlossen abmarschieren. Newman bekommt einen Herzinfarkt. Ich wünschte bei Gott, ich hätte mit diesem Projekt nie etwas zu tun gehabt. Es ist verflucht. Das meine ich ernst. Es ist wirklich so, als habe eine böse Macht es verhext.« Er erhaschte den Anflug eines Lächelns in Markbys Gesicht und platzte wütend heraus:

»Und das ist verdammt nicht komisch. Ich mache keine Witze, und ich habe auch keine allzu lebhafte Phantasie. Weißt du, daß man sich erzählt, an der Stelle, wo wir jetzt bauen, sei vor langer Zeit eine alte Begräbnisstätte gewesen?«

»Ja, der Friedhof der Grauen Leute. Aber wo der wirklich war, steht nicht fest. Meredith ist sehr daran interessiert, ihn zu finden.«

»Ich weiß. Sie war da und hat Fragen gestellt. Lucy, die Verkaufsrepräsentantin, war damals auch da und sagt, Hersey sei fast in die Luft gegangen bei dem Gedanken, es könnten noch mehr Leichen oder Überreste auftauchen.«

»Es wurden doch keine gefunden, oder? Gebeine, meine ich.«

»Nein – und falls jemand etwas gefunden hat, hat er es nicht gesagt. Oder sie haben gedacht, es seien Tierknochen, weil dort, wie wir alle wissen, früher eine Farm war.«

»Das klingt für mich, als wärt ihr nicht auf dem Grundstück der alten Begräbnisstätte. Hör zu, Steve, ich will dir wirklich nichts einreden, aber es ist sehr leicht, sich aufgrund einer alten Legende einzubilden, daß jedes Mißgeschick mit Hexerei oder einem Fluch oder ähnlichem zu tun hat. Es wäre verrückt, einen Mord in die Kategorie Fluch oder Hexerei einzuordnen. Morde passieren an den unwahrscheinlichsten Orten, und eine Leiche in einem Graben bedeutet nicht, daß der Ort verhext ist.« Steve sah leicht beschämt, aber noch immer bockig aus.

»Nun, es war auf der Baustelle einfach von Anfang an irgendwie seltsam. Mehrere Arbeiter haben die eigenartige Atmosphäre erwähnt – und das, bevor der Bagger den Toten ausgegraben hat.« Markby sagte beschwichtigend:

»Ich bezweifle, daß es sich als Werk einer übernatürlichen Macht herausstellen wird. Es ist leider ein nur allzu menschliches Übel.« Es folgte eine Pause; dann fragte Steve:

»Wer ist der andere Typ? Der in dem schicken Anzug.«

»Ein Kollege aus London, der heruntergekommen ist, um eigene Ermittlungen anzustellen.« Steve war zwar durcheinander, erkannte jedoch sofort, was diese Erklärung zu bedeuten hatte.

»So wichtig ist die Sache also?«

»Vielleicht«, antwortete Markby unverbindlich. Wieder eine Pause.

»In was könnte Hersey verwickelt gewesen sein?« fragte Steve gereizt.

»Hast du einen Vorschlag?«

»Nein. Es sei denn, er hat unter der Hand ein paar Ziegel oder Säcke Zement verkauft. Doch dafür wird man nicht umgebracht.«

»Gewöhnlich nicht.«

»Ich wünschte mir nur«, sagte Steve mißmutig,

»er hätte sich anderswo erschlagen lassen und ein anderer armer Teufel hätte ihn gefunden.«

»Ja, das war Pech.«

»Pech?« Steve starrte Markby ungläubig an.

»Pech? Glaub mir, ich werde noch paranoid deswegen. Allmählich habe ich das Gefühl, daß jemand hinter mir her ist.«

»O ja«, sagte Markby bedächtig,

»ich habe mich schon gefragt, wie ich darauf zu sprechen kommen könnte. Es wäre klug, wenn du ein paar Vorsichtsmaßnahmen treffen würdest. Park deinen Wagen auf gut beleuchteten Plätzen. Geh mit deinem Hund nicht auf einsamen Feldern spazieren. Laß deine Fenster geschlossen, und schließ die Türen ab.« Steve sah ihn entsetzt an.

»Schon gut«, sagte Markby beschwichtigend,

»ich glaube nicht, daß du in Gefahr bist. Aber wir wissen schließlich nicht, was der Mörder im Sinn hat. Er könnte denken, daß du etwas weißt, etwas gesehen hast … Vielleicht hat er das auch von Hersey gedacht, und Hersey wurde ermordet. Also sei vernünftig.« Er stand auf.

»Du kannst jetzt nach Hause fahren, wenn du willst. Wir wissen ja, wo du zu finden bist. Und sprich mit niemandem darüber. Ich muß jetzt zu Herseys Schwester. Man hat es ihr schon gesagt. Kennst du sie eigentlich?« Wetherall schüttelte den Kopf.

»Kann mir gar nicht vorstellen, daß Hersey eine Schwester hatte – oder eine Mutter, armer Teufel.«

Mrs. Chivers war eine magere Frau Ende Fünfzig mit einer Haut, die sehr fein und papierähnlich war und mit den Jahren wie altes Waschleder zerknittert war. Das kurzgeschnittene ergrauende Haar trug sie in der Mitte gescheitelt und an den Schläfen von je einer Haarklammer gehalten. Obwohl ihre Augen vom Weinen gerötet waren, sah man noch immer, daß sie früher ein hübsches Mädchen gewesen war.

Die abgearbeiteten Hände ringend, flüsterte sie kaum hörbar:

»Jerry war ein guter Mann.« Das hatten weder Markby noch Steve oder Meredith, noch irgend jemand sonst gefunden, der mit dem Polier zu tun gehabt hatte. Als einziger hatte Alwyn ein gutes Wort für ihn gehabt. Dennoch sagte Markby fest:

»Davon bin ich überzeugt, Mrs. Chivers.« Sie schien Mut und Kraft zu sammeln, und ihre Stimme wurde ein wenig lauter.

»Deshalb hab ich gewußt, daß ihm etwas passiert sein mußte, als ich sah, daß er nicht nach Hause gekommen war. Er wäre nie weggeblieben, so daß ich mir Sorgen um ihn machen mußte. Wenn er die Absicht gehabt hätte, nachts auszubleiben, hätte er es mir gesagt.«

»Ja. Hatte Jerry Probleme, Mrs. Chivers?« Sie sah ihn ratlos an.

»Probleme?«

»Ja, persönliche Schwierigkeiten irgendwelcher Art.«

»O nein. Auf der Arbeit hatten sie ein paar Schwierigkeiten.«

»Was für Schwierigkeiten waren das? Hat er mit Ihnen darüber gesprochen?« Sie schüttelte den Kopf.

»Die üblichen eben. Außer als sie den Leichnam gefunden haben. Jerry hat sich sehr darüber aufgeregt. Das haben sie alle. Die Polizei hat Fragen gestellt.«

»Ich weiß. Hat Jerry sich darüber Gedanken gemacht, wer der Tote war oder was er hier getan haben mag?« Sie schüttelte den Kopf.

»Jerry hatte ein paar Schwierigkeiten mit Kids jungen Hooligans. Doch das ist schon ein paar Wochen her.«

»Erzählen Sie mir davon.«

»Sie haben ihn auf Motorrädern gejagt. Junge Teufel!« Ihre blassen Wangen röteten sich, und ihre Stimme wurde lauter.

»Sie haben ihn in den Fluß gejagt, und er mußte nach Hause gehen und trockene Sachen anziehen. War tropfnaß. Hätte sich den Tod holen können.« Bei der unglücklichen Formulierung kam sie ins Stocken und unterbrach sich mit einem unterdrückten Schluchzen.

»Aber er hat den Zwischenfall nicht der Polizei gemeldet?« Unsicher sah sie vor sich hin.

»O nein – es waren ja nur Kids. Trugen Helme mit Visieren aus Rauchquarzglas, da sieht man ihre Gesichter nicht.« Das war ein neuer Gedanke, der es möglicherweise wert war, verfolgt zu werden. Doch ganz offensichtlich wußte sie nicht mehr darüber oder konnte sich im Moment nicht daran erinnern. Er schnitt ein anderes Thema an.

»Was hat Jerry in seiner Freizeit gemacht?«

»Ist nur ab und zu ins Fox and Hounds gegangen. Am Wochenende hat er in meinem Garten gearbeitet.« Markby war überrascht. Er hatte Hersey, der sich immer und überall quergelegt hatte, nicht gemocht. Doch anscheinend war der Mann, ohne daß er selbst es geahnt hatte, ein ebenso eifriger Gärtner gewesen wie er. Wenn er es gewußt, Hersey in diesem Licht gesehen und sein Vertrauen mit ein paar Worten über Ungeziefervertilgung im Garten oder eine neue Art von Gartenwicken gewonnen hätte, egal womit, wäre ihre Beziehung eine ganz andere gewesen. Zu spät, um dieses Wissen zu verwerten. Er hatte Hersey viel zu vorschnell beurteilt. Vielleicht hatte Alwyn recht gehabt.

»Wie steht es mit Besuchen?« fragte er. Wieder schien sie verwirrt, also formulierte er die Frage neu.

»Ist jemand zu Ihnen ins Haus gekommen, um mit Jerry zu sprechen?« Sie schüttelte den Kopf. Ihre Augen füllten sich langsam mit Tränen.

»Nein. Ich weiß nicht, wie ich ohne Jerry fertig werden soll. Seit Fred – mein Mann – gestorben ist, hat Jerry alle Reparaturen erledigt, hat gestrichen und tapeziert, den Garten gepflegt, ein neues Bad eingebaut …«

»Es tut mir sehr leid«, sagte Markby lahm, aber er meinte es ernst.

»Später kommt eine Polizistin zu Ihnen und wird noch einmal mit Ihnen sprechen. Haben Sie eine Freundin, die herauskommen und eine Weile bei Ihnen bleiben könnte?«

»Vielleicht Elsie«, sagte sie kaum verständlich und fügte hinzu, sie sei wirklich ganz in Ordnung, es sei nur der Schock.

»Elsie? Wo wohnt sie? Können wir ihr einen Wagen schikken, um sie zu holen?«

»Elsie Winthrop von der Farm, von Greyladies. Aber wahrscheinlich hat sie zuviel zu tun.«

»Mrs. Winthrop!« Markby blinzelte.

»Sie sind mit ihr befreundet?«

»Ja, wir besuchen zusammen die Versammlungen des Frauenverbandes. Sie holt mich mit dem Auto ab.«

»Deshalb war Alwyn nett zu Jerry.« Markby dachte laut. Es war keine Frage, doch sie nahm es als solche.

»Er hat Alwyn natürlich gekannt. Aber befreundet waren sie eigentlich nicht. Ich wohne hier außerhalb der Stadt. Greyladies Farm ist unser nächster Nachbar. Außer Fox and Hounds, natürlich, aber mit Pubs habe ich nichts zu tun.« Markby versuchte dieses winzige Stückchen Wissen in ein Gesamtbild einzufügen, legte es am Ende jedoch zu dem Durcheinander, das er in einer Art geistiger Sammelschachtel im Kopf hatte. Es schien keine große Hilfe zu sein, doch es war ein Hinweis darauf, was für erstaunliche Tatsachen man erfuhr, wenn man mit den Leuten redete.

»Wenn Ihnen etwas einfallen sollte, egal was, das Jerry gesagt oder getan hat, etwas Ungewöhnliches, das sonst nicht seine Art war, oder wenn er in den letzten zwei, drei Wochen irgend etwas bemerkt hat, das er merkwürdig fand, dann lassen Sie es mich wissen. Rufen Sie nur im Revier an, und fragen Sie nach mir, Chief Inspector Markby, oder, wenn ich nicht da bin, nach Sergeant Pearce.« Vor dem Cottage blieb er stehen und schaute sich um. Das Haus selbst war aus roten Ziegeln, ungefähr zur Zeit des Ersten Weltkriegs gebaut; der Garten ordentlich, aber phantasielos. In den Gemüsebeeten Frühlingspflanzen in sauberen Reihen. Die Forsythien, die vor wenigen Wochen üppig gelb an den roten Mauern geblüht hatten, welkten und waren schon sorgfältig beschnitten worden. Jerrys Arbeit, vermutlich. Ein Leben wie Millionen anderer ohne jeden Hinweis darauf, warum es jemand auslöschen sollte.

»Es sieht so aus, als ob ihm jemand aus dem Pub gefolgt war«, sagte Pearce später.

»Außer er hat, als er nach Hause ging, jemanden auf der Straße aufgescheucht. Doch seit der Hauptverkehr über die Autobahn rollt, ist es hier sehr still. Er hat bestimmt nicht erwartet, zwischen dem Pub und dem Cottage jemanden zu treffen.«

»Es sei denn, jemand hat auf ihn gewartet – jemand, der wußte, daß das sein Heimweg war.« Markby seufzte tief auf.

»Verdammt, verdammt, verdammt! Was geht auf dieser Baustelle vor? Vielleicht hatte er Streit mit einem Arbeiter, hat gedroht, ihn zu entlassen? Niemand mochte ihn. Ein Rachemotiv? Der andere, wer es auch war, hat zwischen den Hecken auf ihn gewartet. Er kannte Herseys Trinkgewohnheiten, und im Schutz der Dunkelheit – wum!«

»Es hat etwas mit der Schiffsladung Drogen zu tun«, sagte Laxton laut und streitsüchtig.

»Sie werden sehen. Ich werde mir diesen Haussuchungsbefehl besorgen und lasse diese Farm durchsuchen – wie heißt sie noch? Witchett?«

»Ja, tun Sie das«, sagte Markby zerstreut.

»Ich fahre zu Newman, dem Bauunternehmer. Pearce, Sie fahren auf die Baustelle und vernehmen die Leute noch einmal. Alle.«

»Damit werde ich mich dort aber beliebt machen«, sagte Pearce sarkastisch.

»Der nächste, den sie in einem Graben einbetoniert finden werden, bin ich.«

Markby sah ihn finster an.

»Tatsächlich ist das weder lustig noch ausgeschlossen. Ich muß Sie genauso warnen wie Wetherall. Passen Sie auf. Jemand dort unten ist ein Killer.« KAPITEL 16 Nachdem er Dudley

Newman angerufen und informiert hatte, daß es im

»Baustellenmord« – unter diesem Namen war der Mord an Rochet allgemein bekannt geworden – eine neue, unheilvolle Entwicklung gab, hatte der Bauunternehmer vorgeschlagen, Markby solle sich bei ihm zu Hause mit ihm treffen. Er wohnte außerhalb von Bamford am Rand eines der umliegenden Dörfer. Das Haus war groß, ebenso wie der Garten, in dem es lag, und von einer hohen Mauer mit einem eindrucksvollen schmiedeeisernen Tor umgeben. Das Tor stand offen, vermutlich um Markby einzulassen. Nur nicht einschüchtern lassen, dachte Markby, als er es passierte. Andererseits konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, daß irgendwie und irgendwo irgend jemand ein wenig übertrieb.

Der Chief Inspector nahm die linke Hälfte zweier geharkter Halbkreise, die um beide Seiten eines Mittelrasens herumführten und vor der Haustür zusammentrafen, eine Art privates Verkehrssystem. Unterwegs kam er an einer diskret hinter Sträuchern verborgenen, abseitsstehenden Doppelgarage vorüber. Das Haus selbst sieht neu aus, dachte Markby, als er aus dem Wagen stieg, ein schöner, luxuriöser Bau. Ein Haus eben, wie es ein erfolgreicher und wohlhabender Bauunternehmer leicht für sich bauen konnte. Die Haustür wurde durch eine große, pseudopalladianische Vorhalle geschützt, und hinter den bis zum Fußboden reichenden Fenstern zu beiden Seiten sah man Samtvorhänge, die mit Seidenkordeln zurückgehalten wurden. Nichts von alledem konnte man sich vom Gehalt eines Polizeibeamten leisten.

Er wandte sich vom Haus ab und überblickte den Garten. Was für ein Unterschied zu den winzigen Stückchen Land, die man in der Wohnanlage widerwillig den neuen Häusern zubilligte und die sich

»Garten« nannten. Newmans Haus sah aus, als sei es in die Mitte eines Feldes hineingestellt und das umliegende, nicht verbaute Grundstück von einem Landschaftsgärtner sorgfältig angelegt worden. Koniferen und andere Sträucher und Bäume säumten es. Neugierig spähte Markby um die Ecke. Weit entfernt sah er eine weiße Mauer, die von einem zweiten, aber schmäleren schmiedeeisernen Tor durchbrochen wurde, das in irgendeinen umfriedeten Teil des Gartens führte. Es wirkte irgendwie spanisch, und er war überzeugt, daß sich hinter der Mauer ein privater Swimmingpool befand. Für ihn schrie dieses so ordentliche Stück Land laut, daß hier niemand ein Gärtnerherz hatte. Es war so angelegt, daß es nur ein Minimum an Pflege brauchte, mit viel Rasen, der von einem leistungsfähigen Motorrasenmäher geschnitten werden mußte, ohne Blumenbeete, die gejätet werden mußten, und ohne Design. Für Markby eine jämmerliche Verschwendung von Potential. Seufzend wandte er sich wieder der klassizistischen Haustür zu.

Auf sein Klingeln meldete sich laut bellend ein Hund. Es klang nach einem großen Wachhund. Markby hatte für Hunde nichts übrig, besonders nicht für große. Mit kleinen wie Steves Patch kam er zurecht, doch jetzt hatte er die erschrekkende Vision, gleich einem großen, muskulösen Dobermann oder einem anderen Tier mit bösartig gefletschten Fangzähnen gegenüberzustehen. Glücklicherweise mußte jemand das Tier eingesperrt haben, denn das Bellen klang zu seiner größten Erleichterung jetzt leiser. Die Tür wurde von einer adretten Blondine Anfang Vierzig in einem pinkfarbenen Seidenhemd und marineblauen Slacks geöffnet. Sie lächelte unsicher, als sie ihn ins Haus bat.

»Dudley erwartet Sie. Ich hoffe, Sie bringen keine schlechten Nachrichten. Er ist jetzt schon aufgeregt genug. Ich meine, er ist nervös, seit der Tote in den Fundamenten gefunden wurde. Wir – wir mußten unseren Urlaub absagen, wollten eine Kreuzfahrt durch die Karibik machen und bedauern sehr, daß wir verzichten müssen. Wir hatten uns so darauf gefreut. Aber Dudley hat gemeint, wir sollten in der Nähe bleiben, bis alles geklärt ist, diese ganze unangenehme Geschichte, meine ich. Dudley ist ein so ordentlicher Mensch. Lose Enden mag er gar nicht.«

»Mrs. Newman?« fragte Markby höflich.

»Ja – entschuldigen Sie. Ich hätte mich vorstellen sollen.«

»Ich glaube, wir haben uns gestern abend nur um ein Haar

verpaßt. War mit ein paar Freunden im Fox and Hounds und habe Ihren Mann gesehen. Er war auf dem Weg zur Bar, um Ihre Drinks zu holen.«

Sie sah ihn verständnislos an, zuckte dann mit den Schultern, als habe man sie gestoßen, und sagte:

»Ach ja, wir gehen nicht oft in Pubs. Dudley dachte, es könnte eine nette Abwechslung sein. Er ist im Wohnzimmer. Kommen Sie bitte.«

Sie machte kehrt und eilte mit klappernden Absätzen durch die Halle. Als er ihr folgte, stellte er fest, daß der Hund hinter einer Tür am anderen Ende eingeschlossen sein mußte. Markby hörte das Tier scharren und schwer atmen, als es schnüffelnd die Nase in einen Türspalt steckte, weil es den Fremden roch. Er hoffte, daß man es erst wieder herausließ, wenn er über alle Berge war.

Sie führte ihn in ein großes Zimmer mit Ausblick auf den Garten hinter dem Haus, noch mehr Rasen und die Swimmingpool-Hazienda.

Newman schien seinen Besuch, auf dem farbenfrohen indianischen Teppich auf und ab gehend, erwartet zu haben. Als Markby eintrat, ging er mit jener Mischung aus Vorsicht und Zuversicht auf ihn zu, an die Markby sich von ihrer letzten Begegnung erinnerte.

»Chief Inspector!« Newman streckte die Hand aus.

»Nett von Ihnen, sich die Zeit zu nehmen und zu mir herauszukommen. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?« Er zeigte auf eine gut ausgestattete Hausbar.

»Nein? Wie wäre es dann mit Tee? Nancy wird uns liebend gern einen brauen.«

»Nichts für mich, besten Dank«, sagte Markby und ließ sich in einen gutgepolsterten Sessel mit einem bunten Paradiesvogelbezug sinken. Die Polsterung gab unter ihm immer weiter nach, er sank immer tiefer ein und wußte, es würde extrem schwierig werden, einigermaßen elegant wieder in die Höhe zu kommen. Er saß viel näher am Fußboden, als er erwartet hatte, seine Knie stachen in die Luft, und er hatte die Wahl, die Ellenbogen entweder fest an seine Seiten zu pressen oder sie fast bis in Schulterhöhe zu heben, um sie auf die Armlehnen zu stützen.

Newman hatte den Sessel ihm gegenüber genommen, war aber an die Eigenschaften seine Mobiliars gewöhnt und kam natürlich viel besser damit zurecht als Markby, ohne auf so lächerliche Weise abzutauchen.

»Hat es Ihnen gestern abend im Fox and Hounds gefallen,

Mr. Newman?« fragte Markby unverbindlich.

»Was? Nein, ich – wir waren recht enttäuscht.« Ent schlossen legte Newman die Hände auf die Knie und beugte sich vor.

»Hören Sie, Chief Inspector, ich wollte mich mit Ihnen nicht auf der Baustelle treffen, weil die Männer neugierig werden würden – und ich wollte nicht zu Ihnen aufs Revier kommen, weil es sich herumsprechen könnte, daß ich ein zweites Mal vorgeladen worden sei, und die bösen Zungen weiß der Himmel was dahinter vermuten würden.«

»Oh – welche bösen Zungen denn?« erkundigte sich Markby.

»Sie wären überrascht«, sagte Newman mit Nachdruck.

»Nancy würde es ihrer Mutter erzählen und die wiederum allen ihren Busenfreundinnen. Die Frau hat mich nie gemocht. Ich meine meine Schwiegermutter, nicht Nancy.«

»Das habe ich angenommen. Nun, es tut mir leid, Sie noch einmal stören und der Überbringer schlechter Nachrichten sein zu müssen.«

»Haben Sie inzwischen die Identität des Toten festgestellt?« fragte Newman besorgt.

»Ich hoffe, es ist niemand, der etwas mit der Baubranche zu tun hatte.«

»Der Mann im Graben? Wir glauben jetzt zu wissen, wer er ist. Er hat mit der Baubranche nichts zu tun. Wir geben seinen Namen nur noch nicht an die Öffentlichkeit.«

»Ich verstehe. Wahrscheinlich wollen Sie zuerst die Angehörigen informieren.« Markby murmelte etwas Unverbindliches und nickte.

»Es gibt aber einen zweiten Toten, Mr. Newman. Deshalb bin ich hier.« Es war interessant zu beobachten, welche Reaktion eine so direkt ausgesprochene Nachricht dieser Art auslöste. Newman saß zuerst wie erstarrt da, lässig hingegossen in seinen federweichen Sessel, und sah Markby dümmlich an. Dann wurde er feuerrot und flüsterte:

»Auf der Baustelle?«

»Nein, nicht direkt auf der Baustelle …«

»Gott sei Dank!« stieß Newman hervor und fügte dann hastig hinzu:

»Tut mir leid, wenn das herzlos klingt, aber wir hatten schon so viele Schwierigkeiten – und ich hatte Angst, Sie würden sagen, es habe einen Unfall auf der Baustelle gegeben. Die Leute von der Gewerbeaufsicht hätten mir gerade noch gefehlt.«

»Leider ist es diesmal jemand von der Baustelle«, fuhr Markby fort.

»Der Bauleiter hat mich heute schon angerufen. Er hat mir aber nur gesagt, daß jemand nicht zur Arbeit erschienen ist. Jetzt sagen Sie, es hat einen Toten gegeben? Wer ist es?«

»Hersey, Ihr Polier.«

»Das kann nicht sein!« Newman schrie es fast und fuhr halb aus seinem Sessel in die Höhe.

»Er kann nicht tot sein.«

»Leider ist er’s. Das bedeutet natürlich weitere Ermittlungen und zusätzliche Unannehmlichkeiten und zusätzliche Vernehmungen Ihrer Arbeiter, aber sie sind leider unumgänglich.« In Newmans Gesicht arbeitete es erschreckend.

»Sie meinen – es ist kein natürlicher Tod, kein Herzinfarkt oder so was? Jerry Hersey war kein so junger Mann mehr, nun ja, vierzig eben. Ich weiß, das ist nicht alt, aber hören Sie, sind Sie sicher, daß er nicht krank war und wir nur nichts davon wußten?«

»Ich hätte Ihnen sagen müssen, wie er gestorben ist«, sagte Markby.

»Er wurde das Opfer eines sehr effizienten tätlichen Angriffs mit tödlichem Ausgang.« Newman hatte begonnen, heftig zu schwitzen. Taumelnd stand er auf und schlurfte zur Hausbar.

»Ich brauche jetzt einen Whisky«, sagte er mit heiserer Stimme. Markby sah zu, als er einschenkte und die Flüssigkeit auf den Tisch schwappte.

»Wollen Sie wirklich keinen?« Newman hielt die Flasche in die Höhe.

»Okay, sagen Sie’s, wenn Sie es sich anders überlegen.« Er goß Soda in seinen Drink und kehrte zu seinem Sessel zurück.

»Was Sie da sagen, ist ein Schock, und ich gebe gern zu, daß es mich umgehauen hat«, sagte er, nachdem er ausgiebig getrunken hatte.

»Jerry Hersey?« Er runzelte die Stirn.

»Warum zum Teufel Jerry? Wie ist es passiert? Sind Sie absolut sicher, daß es kein Unfall gewesen sein kann?« Seine Stimme bekam einen flehenden Unterton.

»Definitiv kein Unfall. Jemand hat ihn mit voller Absicht ermordet.« Newman zuckte bei dem Wort zusammen, und Markby fuhr fort:

»Er war gestern abend auch im Pub, haben Sie ihn zufällig gesehen? Ich habe selbst ein paar Worte mit ihm gewechselt.«

»Ich – ich denke nicht«, nuschelte Newman.

»Das Lokal ist der reinste Kaninchenbau und war gestern abend ganz besonders voll. Außerdem wäre Hersey wahrscheinlich in einen anderen Raum verschwunden, wenn er mich zuerst gesehen hätte. Aus keinem bestimmten Grund, verstehen Sie, aber er war von Natur aus nicht gesellig, wie Sie wohl selbst wissen.«

»Er hätte Sie nicht in der Hoffnung begrüßt, von Ihnen zu einem Drink eingeladen zu werden?« Newman zögerte.

»Möglicherweise, wenn ich allein gewesen wäre. Aber Nancy war auch da.« Der Bauunternehmer rieb sich mit der Hand die schweißbedeckte Stirn.

»In meinem Kopf dreht sich alles. Erzählen Sie, ich muß alle Einzelheiten wissen.« Markby berichtete, daß Mrs. Chivers angerufen und ihren Bruder als vermißt gemeldet hatte und Hersey später unweit des Pubs tot im Straßengraben gefunden worden war. Während er sprach, merkte er, daß Newman sich langsam wieder faßte; sein Gehirn arbeitete fieberhaft, als er versuchte, das Erfahrene irgendwie einzuordnen, und nach einer Erklärung suchte, die Herseys Tod nicht mit der Baustelle in Zusammenhang brachte. Als Markby geendet hatte, sagte der Bauunternehmer aggressiv:

»Ich verstehe es nicht. Hersey war nicht beliebt. Aber ihn töten? Wer sollte das getan haben? Es wäre Unfug zu denken, daß einer von den Männern so etwas tun würde. Unvereinbare Charaktere auf einer Baustelle, das ist alltäglich. Das geht aber nicht bis zu Mord. Die Männer, die dort arbeiten, würden alles tun, um Schwierigkeiten zu vermeiden.«

»Wer hat Hersey als Polier eingestellt?« fragte Markby.

»Das war ich.« Newman hob die Hand, um weiteren Fragen zuvorzukommen.

»Oh, ich weiß, er ist – war schwierig und mürrisch und meckerte ständig, aber die Baubranche kannte er in- und auswendig. Er hat viele Jahre für mich gearbeitet, und ich wollte ihn nicht entlassen, da er so schnell keinen anderen Job gefunden hätte.« Newmans Blick duldete keinen Widerspruch.

»Ich weiß, daß ihm vieles nicht gepaßt hat«, begann Markby taktvoll.

»Aber hat er sich über etwas Besonderes beschwert?«

»Über alles«, sagte Newman einfach.

»Ununterbrochen. Immer. Jerry änderte sich nie, war immer derselbe. Das beachtet man gar nicht mehr. Beachtete man nicht mehr. Zum Teufel, immer diese Vergangenheitsform …«

»Ja, daran muß man sich erst gewöhnen.«

»Jerrys Schwester«, sagte Newman plötzlich.

»Haben Sie nicht gesagt, sie habe ihn als vermißt gemeldet? Sie – weiß Bescheid, nehme ich an.« Markby nickte, und Newman fuhr fort:

»Ich werde sie besuchen müssen. Bin ihr einmal begegnet, vor langer Zeit. Nette Frau. Muß sie fragen, ob sie etwas braucht.«

»Danke«, sagte Markby, und Newman stieg in seiner Wertschätzung eine Stufe höher.

»Mir ist klar, daß Sie dadurch auf der Baustelle noch mehr Schwierigkeiten bekommen – im Hinblick auf Ihre Termine.« Newman zuckte resigniert mit den Schultern.

»Dagegen kann ich nichts tun. Das ganze Projekt ist verhext.«

»Ja, ich glaube, Mr. Wetherall, der Architekt, neigt ebenfalls zu dieser Vermutung. Zufällig hat er Herseys Leiche gefunden, als er in der Mittagspause mit seinem Hund spazierenging.«

»Steve hat ihn gefunden?« Newman sah bestürzt aus.

»Armer Kerl. Steve ist ein guter Mann. Wie scheußlich für ihn. Er hat Hersey zwar nicht gemocht, aber …« Newman unterbrach sich, über sich selbst entsetzt.

»Hören Sie, Chief Inspector, damit wollte ich nicht andeuten, daß – es ist mir einfach rausgerutscht. Ich wollte Steve nicht verdächtigen.«

»Nein, natürlich nicht. Uns ist klar, daß Hersey unbeliebt war. Obwohl er auch Freunde hatte. Ich habe selbst gehört, wie einer der einheimischen Farmer ihn verteidigte.«

»Doch nicht zufällig der rothaarige Bursche?« Newman hob die Brauen.

»Ich weiß, daß er öfter auf der Baustelle war und mit Hersey geschwatzt hat.« Newman stellte das leere Glas ab und beugte sich vor.

»Sagen Sie, Chief Inspector, was halten Sie eigentlich von den ortsansässigen Farmern? Haben Sie viel mit ihnen zu tun? Ich finde sie, nun, wenig entgegenkommend.«

»Tatsächlich? In welcher Beziehung?« Newmans Verhalten war jetzt das eines Mannes, der über Dinge sprechen wollte, von denen er etwas verstand. Sein Selbstvertrauen nahm zu, und seine Sorgen verpufften, als er sich, fast mit Erleichterung, in seine Geschichte stürzte.

»Die Baugesellschaft, die für dieses Bauvorhaben verantwortlich zeichnet, wollte schon seit längerer Zeit in der Gegend von Bamford bauen. Es ging darum, ein passendes Stück Land und, natürlich, die Baugenehmigung zu bekommen. Durch reines Glück kam die fast verfallene Lonely Farm auf den Markt. Die Gesellschaft hat sich sie geschnappt. Die Schwierigkeit war, daß sie gern ein bißchen mehr Land gewollt hätte, hätte sie es nur bekommen. Sie wandte sich an die Besitzer der beiden umliegenden Farmen.«

»Witchett und Greyladies?«

»Ja.« Newman nickte.

»Ich begleitete den Repräsentanten der Baugesellschaft auf beide Farmen, um Landkäufe mit ihnen zu besprechen. Die Gesellschaft dachte, das sei eine gute Idee, da ich in der Gegend zu Hause bin. Ich kenne die hiesige Topographie, und mein Name ist hier bekannt. Sie wissen doch, wie das ist. Einheimische ziehen es manchmal vor, mit einer einheimischen Firma zu verhandeln. Doch wir bekamen von beiden Seiten unmißverständliche Absagen. Im Fall der Witchett Farm schien es lächerlich. Sie wird nicht einmal mehr bewirtschaftet. Aber die alte Dame dort ließ sich auf nichts ein. Wollte nicht einmal ein paar Äcker verkaufen.« Newman schüttelte den Kopf.

»Richtig unheimlich war es da. Alles noch so, wie es war, als der letzte Farmarbeiter sein Werkzeug aus der Hand legte, vor inzwischen mehr als fünfzehn Jahren. Kam mir fast ein bißchen so vor wie in Große Erwartungen von Charles Dickens, Sie wissen doch – Miss Havisham. Alles in einem Augenblick für alle Zeit erstarrt.«

»Ja, ich weiß.« Markby versuchte erfolglos, sein Erstaunen zu verbergen, Newman war ihm nicht wie ein literarisch gebildeter Mann vorgekommen.

»Ich bin ein Filmfan«, sagte der Bauunternehmer.

»Nur für den Fall, daß Sie sich wundern. Ich liebe die alten klassischen Filme. Haben Sie Große Erwartungen gesehen? Die Szene, in der das Kind Pip auf der Flucht über den Sträfling stolpert. Wunderbar!« Er sah ein wenig verlegen aus.

»In einem Film ist so was ganz in Ordnung, oder? Da gefriert einem das Blut in den Adern. Im realen Leben ist es kein Spaß. Das alles ist mir wirklich nahegegangen, das dürfen Sie ruhig wissen. Aber darüber habe ich gar nicht gesprochen. Ich habe Ihnen von den Besuchen auf den beiden Farmen berichtet. Die andere, Greyladies – o Gott!« Newman schnaubte.

»Der alte Bursche dort, Winthrop, wurde ausfallend. Man kann es nicht anders nennen. Er war verdammt grob.«

»Und sein Sohn?«

»Ah.« Newman blinzelte vielsagend.

»Der Rotschopf, von dem wir eben noch gesprochen haben. Er sagte nicht viel, aber er hörte sich an, was wir zu sagen hatten, und das ist mehr, als sein Vater getan hat. Ich schätze, wenn es an ihm und nicht am Alten gelegen hätte, wären wir zu einem Ergebnis gekommen. Tatsächlich …« Newman senkte die Stimme, als säße er nicht in seinem Wohnzimmer und könnte von jemandem belauscht werden.

»Ganz unter uns – und das darf auf keinen Fall ins Protokoll, Chief Inspector –, ich hatte einmal Gelegenheit, allein mit ihm zu sprechen, als er auf der Baustelle herumwanderte. Ich sagte ihm, wenn sich die Situation einmal ändern, sein Vater sich zurückziehen oder etwas anderes Unvorhergesehenes eintreten sollte … Nun, ich habe auf den Busch geklopft, bin aber nicht direkt geworden. Jedenfalls hab ich dem jungen Winthrop gesagt, er soll einfach zum Telefonhörer greifen und mich anrufen. Auch wenn diese Wohnanlage längst steht. Hätte nichts dagegen, auf eigene Rechnung ein bißchen Land zu erschließen. Ich war, wie Sie sehen, nicht allzu traurig, daß Mr. Winthrop senior nicht an die Gesellschaft verkaufen wollte, die jetzt baut. Wenn ich, sagen wir, in drei, vier Jahren Greyladies in die Hände bekäme, wäre ich hochzufrieden. Ein schönes Stück Land und von der neuen Autobahn nicht zu weit entfernt.« Markby sagte plötzlich:

»Auch ganz unter uns und nicht fürs Protokoll bestimmt – kommt Ihnen nie in den Sinn, daß sie das Gesicht dieser ganzen Landschaft verändern? Daß Sie gutes Bauernland mit Steinen zupflastern?«

»Das ist Business, Chief Inspector, da ist kein Platz für Sentimentalitäten. Aber ich bin kein Banause. Sehen Sie sich doch dieses Haus an!« Stolz wies Newman auf seine private Burg aus Ziegelsteinen und Mörtel, die sie umgab.

»Ich baue Qualitätshäuser, keinen Schund. Ich bin stolz auf meine Firma und die Arbeit, die wir leisten.«

»Das glaube ich Ihnen«, sagte Markby niedergeschlagen.

»Nun, ich danke Ihnen für Ihre Zeit. Wir werden unser Bestes tun, um die Angelegenheit so schnell wie möglich aufzuklären. Leider müssen wir aber wieder mit Ihren Angestellten und Arbeitern sprechen. Mein Sergeant Pearce ist wahr scheinlich jetzt schon auf der Baustelle.« Newmans düstere Stimmung kehrte zurück.

»Kann nicht behaupten, daß mich das glücklich macht, Chief Inspector. Aber ich verstehe natürlich, daß Sie Ihre Arbeit tun müssen. Ich hoffe nur – nun ja, ich hoffe nur, daß nicht noch mehr Leichen auftauchen.«

Auf der Rückfahrt nach Bamford ließ Markby sich Zeit und fuhr gemütlich über Landstraßen. Um die Wahrheit zu sagen, mied er sein eigenes Büro, das jetzt von Laxton besetzt war. Er mußte nachdenken und konnte es besser, ohne daß das Frettchengesicht seines unerwünschten Kollegen ihn beobachtete.

Bisher gab es noch nicht den geringsten Hinweis darauf, daß der Mord an Hersey irgendwie mit dem ersten zusammenhing. Doch Markby hätte seinen letzten Penny darauf verwettet, daß es so war. Was hatte Hersey gesehen oder entdeckt, und warum, zum Teufel, war dieser Mensch so störrisch gewesen und hatte sich geweigert, sein Wissen der Polizei anzuvertrauen? Hätte er es getan, wäre er vielleicht noch am Leben.

Hinter ihm wurde laut und ungeduldig gehupt, und Markby erschrak. Er schaute in den Rückspiegel und sah, daß die schmale Straße, eben noch leer, fast in ihrer ganzen Breite von einem eindrucksvollen dunkelblauen BMW eingenommen wurde, der überholen wollte.

Markby machte sich Vorwürfe wegen seiner Tagträumerei und fuhr entgegenkommenderweise an den Straßenrand. Der BMW schnurrte vorbei, geriet auf der anderen Seite auf den Grünstreifen und raste, eine Sandwolke hinter sich aufwirbelnd, davon. Markby hatte eben noch Zeit, festzustellen, daß er getönte Scheiben und ein ausländisches Kennzeichen hatte.

Ein ausländisches Kennzeichen? Markby wachte endgültig auf und preßte den Fuß aufs Gaspedal. Bamford lag an keiner Touristenroute. Der einzige Ausländer, der in letzter Zeit hier aufgetaucht war, war der französische Drogenfahnder gewesen, das erste Mordopfer. Jetzt ein ausländischer Wagen? Wahrscheinlich ein Zufall. Aber ein merkwürdiger und wert, untersucht zu werden.

Unglücklicherweise war es nicht leicht, den BMW mit seinem Wagen einzuholen, besonders da die schmale, kurvenreiche Straße mit einiger Vorsicht befahren werden mußte, die der andere Fahrer allerdings völlig außer acht gelassen hatte. Wohin wollte er wohl? Für einen ausländischen Wagen wie diesen wäre Oxford ein Ziel gewesen, doch er fuhr in die falsche Richtung. Dann nach Bamford? Wenn er dahin wollte, mußte Markby ihn nach einiger Zeit wieder sichten, sobald die Straße gerader verlief. Und nach ein paar Minuten sah er ihn auch.

Der BMW war ein dunkler Fleck auf der Straße, und er wollte wahrscheinlich tatsächlich nach Bamford. Markby fuhr schneller, aber der Abstand zwischen ihm und dem anderen Wagen wurde nicht kleiner. Wenn überhaupt, wurde er nur noch größer. Es wurde immer seltsamer. Vermutete der andere, daß er verfolgt wurde? Wenn ja, warum sollte es ihn nervös machen? Markby versuchte es mit einem Experiment. Er bog in einen kleinen Feldweg ein, eine Abkürzung, die, wie er wußte, nach ungefähr einer Meile wieder auf die ursprüngliche Straße stieß. Als er wieder auftauchte, war der BMW keine ganze Viertelmeile vor ihm. Der Fahrer war langsamer geworden, hatte geglaubt, er habe Markby abgeschüttelt. Jetzt schoß der dunkelblaue Wagen plötzlich wieder davon. Der Fahrer hatte Markby im Rückspiegel gesehen und versuchte abermals zu entkommen. Einem Polizisten ist ein solches Verhalten immer verdächtig. Manche Fahrer von großen, schweren Wagen mochten es natürlich nicht, wenn man sich an sie hängte. Aber dieser Kerl war alarmiert, das spürte Markby bis in die Knochen. Er wußte nicht, wer Markby war, rechnete aber aus irgendeinem Grund damit, verfolgt zu werden, und wollte entkommen.

Vor ihnen machte die Straße eine Linkskurve, und der BMW verschwand wieder. Noch zweimal erhaschte Markby einen flüchtigen Blick auf ihn, aber als die Straße schließlich gerade verlief, war sie leer. Der BMW hatte sich in Luft aufgelöst.

Markby ging vom Gas. Es gab, soweit er sich erinnerte, bis zu den Außenbezirken von Bamford keine Abzweigungen mehr, außer man zählte ein paar Feldwege dazu, die zu Farmen und einem Steinbruch führten. Er begann, die Straße entlangzubummeln, blickte von Zeit zu Zeit in den Rückspiegel und hielt zugleich scharf Ausschau nach beiden Seiten.

Dennoch übersah er den BMW beinahe. Er stand seitlich der Straße hinter einer Hecke versteckt und parkte an der Einmündung eines schlammigen Feldwegs, der zu einem Wäldchen führte. Nur das Sonnengeglitzer auf poliertem Metall hatte Markby aufmerksam gemacht, und das im letzten Moment. Er hielt an und stieg aus.

Als er über den Grünstreifen zu der Einmündung ging, fiel ihm auf, wie still es hier war. Es gab keinen Verkehr und weit und breit keine menschliche Behausung. Die Bäume des Wäldchens raschelten geheimnisvoll. Das einzige deutliche Geräusch war hin und wieder ein weit entfernter Knall. Jemand schoß Tauben im Wald. Vorsichtig näherte er sich dem geparkten Wagen. Seine Nackenhaare stellten sich auf, und er hatte das unangenehme Gefühl naher Gefahr.

Der BMW war leer. Markby ging um den Wagen herum und spähte durch die dunkelgetönten Scheiben. Ein leichter Herrenregenmantel lag auf dem Rücksitz. Markby versuchte nicht, die Türen zu öffnen, das war immer riskant. Im besten Fall ging ein Alarm los, und er mußte peinliche Erklärungen abgeben. Im schlimmsten Fall war vielleicht eine Bombe in dem Wagen versteckt. Statt dessen rief er laut:

»Hallo! Jemand da?« Doch der Fahrer war nicht zu sehen. Einzige Antwort auf seinen Ruf war ein Flügelgeflatter im Wäldchen; dann war es wieder still.

Die natürlichste Erklärung war, daß der Fahrer sich ins Wäldchen verzogen hatte, um dem Ruf der Natur zu folgen. Grollend betrachtete Markby den schimmernden Wagen. Woher kam er? Wohin fuhr er? Wem gehörte er? Und wo, verdammt, war der Besitzer?

Aufmerksam horchend ging Markby den Feldweg zum Wäldchen entlang. Im Gras lagen ein paar alte Patronenhülsen. Offensichtlich wurde hier häufig geschossen. Vielleicht war auch der Fahrer des BMW hergekommen, um Tauben zu schießen. In einen Wald einzudringen, in dem ein Mann mit einem Gewehr unterwegs war – ein Mann, der nichts von Markbys Anwesenheit wußte, war nicht ratsam. Markby konnte kaum etwas anderes tun als kehrtzumachen, die Suche aufzugeben und die Fahrt nach Bamford fortzusetzen.

Langsam und vorsichtig ging er, sich dicht am Waldrand haltend, zurück. Einmal glaubte er, unter den Bäumen zu seiner Rechten einen Zweig knacken zu hören, und blieb stehen, um noch einmal zu rufen, weil er glaubte, jemand bewege sich, von ihm ungesehen, parallel zu ihm. Doch wie vorher blieb sein Ruf ohne Antwort. Aber so weit konnte der Fahrer nicht entfernt sein. Er mußte Markby hören können. Er versteckte sich, muckste sich nicht, und dagegen konnte der Chief Inspector kaum etwas tun.

Er zuckte mit den Schultern. Schließlich war kein Verbrechen begangen worden. Der Fahrer des BMW war auf einer Landstraße ein bißchen zu schnell, aber nicht allzu schnell gefahren. Wäre Markby ihm begegnet, hätte er eine milde Warnung wegen überhöhter Geschwindigkeit ausgesprochen, mehr nicht. Und was sein anscheinend befremdliches Verhalten betraf – wenn der Fahrer Ausländer war, hatte er vielleicht selbst Angst bekommen, als er sich auf dieser einsamen Straße verfolgt glaubte. Straßenraub war nicht ganz unbekannt.

Markby erreichte den BMW und blieb stehen. Die Sonne schien auf den Wagen und auf Markbys Nacken herunter. In diesem geschützten Waldgebiet war es ziemlich heiß. Markby ging ein letztes Mal um den geheimnisvollen Wagen herum und stellte tief zufrieden fest, daß ein großer Vogel das glänzende Dach verziert hatte. Das Kennzeichen war doch nicht französisch, wie er geglaubt hatte, sondern spanisch. Dadurch wurde das Rätsel noch größer. Bestimmt war seit einer langen, langen Zeit kein Wagen mit spanischem Kennzeichen in der Gegend gesehen worden, und auch in Zukunft würde wohl kaum einer auftauchen. Automatisch, mit dem Instinkt des ausgebildeten Polizeibeamten, zückte Markby sein Notizbuch und fing an, die Nummer des Kennzeichens zu notieren.

Er fing nur an, aber er kam nicht weit. Zu spät bemerkte er, daß sich hinter ihm etwas bewegte, spürte zu spät die Anwesenheit eines anderen. Notizbuch und Kugelschreiber in der Hand, den Mund halb geöffnet, um zu erklären, was er tat, begann er sich umzudrehen. Dann explodierten Sterne vor seinen Augen, er spürte einen heftigen Schmerz an der Schläfe, und Dunkelheit hüllte ihn ein. KAPITEL 17 Die Hintertür des

Cottages stand offen, und Dudley Newman, der die Hand halb erhoben hatte, um anzuklopfen, hörte Frauenstimmen. Nachdem er einen Augenblick gezögert hatte, klopfte er laut und ging gleich hinein.